Jahrgang 
7 (1868)
Seite
110
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Amerikaner iſt, wie der auf beiden Seiten des atlantiſchen Oceans wohlbekannte Neuengländer Henry T. Tuckerman ſagt, ein Wander⸗ geſchöpf. Von dem Wechſel der Luft erwartet er wohlthätige Folgen für ſeine Geſundheit, von dem Wechſel des Wohnſitzes einen günſtigen Umſchwung in ſeinen ökonomiſchen Verhältniſſen, von dem Wechſel der Geſellſchaft eine Verbeſſerung ſeiner ſocialen Stellung im Leben, und obſchon ihm ſein heimathlicher Heerd his home and his fireside nicht gleichgültig iſt, ſo ſind die Unternehmungen und Abenteuer derjenigen, welche immer weiter nach dem fernen Weſten vordringen, ſehr zahlreich und bilden für die amerikaniſche Literatur eine nie verſiechende Quelle. Indeſſen iſt es die Lebensweiſe und die ungeheure Ausdehnung des Landes nicht allein, was den Bürger der transatlantiſchen Republik zu beſtändigen Reiſen veranlaßt; ein weſentliches Moment, das wir dabei in Rechnung bringen müſſen, iſt ſein unruhiges Tempera⸗ ment und ſein ausgeprägter Geſchmack an regelmäßig wieder⸗ kehrenden Ortsveränderungen. Dieſe Eigenſchaften und Umſtände zuſammengenommen ſind es, welche vornehmlich den Neuengländer oder Yankee zum vollendeten Touriſten machen.

Zu der Zahl der bedeutendſten Touriſten und beliebteſten Reiſe⸗ beſchreiber der Nordamerikaner gehört gegenwärtig zweifelsohne Bayard Taylor, der ſich außerdem noch als ein höchſt geiſt⸗ reicher Gelegenheitsredner lecturer auszeichnet und deſſen Vorleſungen beizuwohnen wir ſelbſt wiederholt das Vergnügen hatten. Wir müſſen uns nämlich erinnern, daß es in der nordamerikani⸗ ſchen Union beſonders zweierlei Einrichtungen ſind, welche, wie in England, der Bildung ſchon Erwachſener dienen: die Debattir⸗ geſellſchaften und die öffentlichen Vorleſungen. Während ſich in den erſteren die jüngeren Männer eines Ortes, ohne Rückſicht auf Stand und Gewerbe, zuſammenfinden und über einen allgemein intereſſanten Gegenſtand in geregelter Disputation verhandeln, um ſich Redegewandtheit und Ideenklarheit anzueignen, erſtrecken ſich die letzteren über alle Gebiete der Wiſſenſchaft und Kunſt und werden von beliebten und berühmten Fachgelehrten, Philanthropen und Reiſenden gehalten, an welche zu dieſem Behufe Einladungen ergehen. Die Zuhörerſchaft findet ſich gewöhnlich auf dem Wege der Subſcription zuſammen, und das Honorar für einen Vortrag iſt nicht gering, von zwanzig bis hundert Dollars. DerLecturer, zu denen nicht ſelten auch Frauen gehören, ſind eine anſehnliche Zahl, und viele von ihnen leben von dem Ertrage ihrer Vor⸗ leſungen. Charlatane und flache Schöngeiſter können darunter nicht lange eine Rolle ſpielen; überhaupt darf man dieſe Art Reden ihres ephemeren Charakters wegen nicht unterſchätzen, denn ſie tragen weſentlich dazu bei, den Geiſt der Amerikaner über die Geſchichte und die Inſtitutionen ihres eigenen Landes und fremder Nationen anfzuklären.

Bayard Taylor nun, einer der erſten jetzt lebendenLecturer, bringt ſeit mehreren Jahren faſt jeden Sommer in Thüringen zu, wo ihn verwandtſchaftliche Beziehungen und theure Familien⸗ bande feſſeln. Er iſt der ſtehende Correſpondent derNew⸗York Tribune; dies Blatt gewann unter ihrem Chefredacteur Horace Greeley, der als einflußreicher Politiker vor kurzer Zeit von Andrew Johnſon, dem Präſidenten der Vereinigten Staaten, die Stelle eines Geſandten in Oeſterreich angeboten erhielt, dieſelbe aber ausſchlug, eine ſelten große Ausbreitung und wird in vielen Tauſenden von Exemplaren, die über die ganze Erde ver⸗ breitet ſind, geleſen. In einem aus dem bekannten Sommer⸗ friſchort Friedrichroda datirten und im Auguſt 1867 geſchriebenen Briefe giebt Bayard Taylor in dem genannten Blatte höchſt intereſſante Charakterſchilderungen verſchiedener deutſcher Autoren und fügt zum Schluſſe pikante Bemerkungen über das Schrift⸗ ſtellerweſen in Deutſchland überhaupt hinzu. Da es nun von unleugbarem Intereſſe iſt, das Urtheil eines ſcharf beobachtenden und geiſtvollen Ausländers über dieſe Punkte zu vernehmen, ſo laſſen wir im Nachſtehenden einige der bemerkenswertheſten Stellen des erwähnten Briefes folgen.

Vor einigen Tagen, ſchreibt Taylor,erneuerte ich meine Bekanntſchaft mit zwei Männern, die ich zu derſelben Zeit vor gerade neun Jahren kennen lernte. Die Bekanntſchaft dauerte damals zwar nur ſechs Stunden, allein dieſe kurze Zeit reichte hin, das Andenken an dieſe Männer dauernd und gern in meinem Ge⸗ dächtniſſe zu bewahren. Als ich nämlich im Auguſtmonate des Jahres 1858 bei der dritten Säcularfeier der Univerſität Jena, die

der freie und unſtäte Sohn der Vereinigten Staaten. Der 1

Tauſende von alten und jungen Jenenſer Studenten verſammelt hatte, zugegen war, nahm ich auch an dem großartigen Commerce Theil, der in jener Feſtzeit in der alten und ehrwürdigen Muſen⸗ ſtadt veranſtaltet wurde. Ich hatte einen Platz an einem der ‚Sachſentiſche; erhalten und ſaß zwiſchen einem hochgewachſenen blonden Herrn und einem ſtarken, breitſchulterigen Manne, deſſen rundes und volles Geſicht von einem wilden und dichten Barte umgeben war. Der Erſtere war Dr. Alfred Brehm, der als Afrikareiſender und als Naturforſcher rühmlichſt bekannt iſt; der Letztere war Fritz Reuter, der gefeierte plattdeutſche Dichter, welcher in der That eine neue Schule in der deutſchen Literatur gegründet hat..

Gegenwärtig lebt Fritz Reuter in Eiſenach, einer freundlichen Stadt in der Nähe der Wartburg. Als ich vor einigen Tagen, ich glaube zum ſiebenten oder achten Male, nach dieſem Orte pilgerte, der durch das Andenken an die Minneſänger, an Eliſa⸗ beth von Ungarn und an Luther geweiht iſt, beſchloß ich, meinem Nachbar von der jenenſer Jubelfeier einen Beſuch abzuſtatten. Ich traf ihn nicht zu Hauſe, aber er kam am Abend nach dem Hotel, in welchem ich wohnte. Ich fand ihn ganz unverändert, nur der dunkle, ſtarke Bart war in den letzten neun Jahren völlig grau geworden. In dem Großherzogthume Mecklenburg, wo er ge⸗ boren iſt, giebt es viel wendiſches Blut, allein Reuter's äußere Er⸗ ſcheinung läßt mich beſtimmt annehmen, daß er der reinen und unverfälſchten teutoniſchen Race entſtammt. Seine unterſetzte, kräftige Geſtalt, ſeine breiten Schultern, ſein dicker Nacken, ſein mächtiger, runder Kopf, ſeine ausdrucksvolle, faſt viereckige Stirn, ſeine kleinen, grauen Augen, ſeine ſtarke Naſe und der nicht ganz kleine Mund ſind paſſende äußere Attribute für den Humoriſten, ſie kündigen indeß nicht den Dichtergeiſt an, der ebenfalls in Reuter lebt und ſchafft. Sein Weſen iſt einfach und ohne alle Affectation, wie das eines Kindes; man fühlt in den erſten Augenblicken, wo man ihm näher tritt, daß man einer ehrlichen und offenen Natur, die kein Falſch kennt, gegenüber ſteht. Er erinnerte mich an unſern Walt Whitman, von dem Emerſon ſagte, daß er in ſeinen früheren Jahren viel erfahren und viel gelitten haben müſſe, ganz daſſelbe iſt mit Fritz Reuter der Fall. Und in der That haben Whitman und Reuter Manches gemeinſam: Beide zeichnet ein tiefes, nachhaltiges Humanitätsgefühl aus, Beide faſſen die Natur in einer wunderſamen, doch entſchieden poetiſchen Weiſe auf, die Art zu denken iſt der Form nach bei Beiden originell, weniger dem Inhalte nach. Fritz Reuter iſt außerdem eine wahre Künſtler⸗ natur, und bei Allem, was er ſchreibt, macht ſich ſein Humor geltend.

Hierauf giebt Taylor eine kleine Skizze von Reuter's Leben; er erwähnt, daß Reuter im Jahre 1808 geboren ſei und in den Jahren 1833 bis 1840 in einem mecklenburgiſchen Ge⸗ fängniſſe gelebt habe. Der Gedanke, den plattdeutſchen Dialekt ſeinen literariſchen Arbeiten zu Grunde zu legen, habe Reuter ſtets beherrſcht. Möglicherweiſe hätten Hebel'sAllemanniſche Gedichte hierzu den erſten Anſtoß gegeben. Andere plattdeutſche Dichter hätten ſich vor Reuter Ruhm und Anerkennung erworben; allein ſeit etwa zehn Jahren habe er allen ſeinen Rivalen den Rang abgelaufen. Im fünfzigſten Lebensjahre, wo andere Autoren auf ihren Lorbeeren auszuruhen pflegten, habe er die erſten Blätter ſeines Dichterkranzes gepflückt, und es gäbe gegenwärtig kaum einen deutſchen Schriftſteller, der mehr mit ſeiner Feder verdiene, als Fritz Reuter.

So viel ich weiß, fährt Taylor fort,iſt ‚Ut de Franzo⸗ ſentidéè das einzige Werk Reuter's, welches in die engliſche Sprache überſetzt iſt. Der jüngere Lewis überſetzte es in dieſem Jahre unter dem Titel: ‚In the Year 1813*. Die Ueberſetzung iſt eine gelungene, allein die wunderbare Naivetät des Platt⸗ deutſchen, welches ſo viele Aehnlichkeit mit der engliſchen Sprache hat, iſt doch unnachahmlich; ſie konnte nur angedeutet, nicht voll⸗ ſtändig wiedergegeben werden. Ich ſtelle den ‚Hanne Nüte höher; dies Gedicht beſitzt den idylliſchen Reiz eines echten Hirtengedichtes. Sein letztes WerkDörchläuchting möchte ich mitHis Little Serene Highness' wiedergeben, aber dieſe Ueberſetzung hat wenig Komiſches, während der urſprüngliche Titel durch und durch komiſch iſt. Reuter hat jetzt eine neue Geſchichte unter der Feder, deren Plan, ſo weit er mir ihn mittheilte, nicht weniger Originalität, als Humor verräth. 1