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den Stil jener Tage zeigt, haben wir in der Godehardikirche vor uns, die, um die Mitte des zwölften Jahrhunderts vollendet, ſich im ſüdlichen Theile Hildesheims erhebt. In ihr finden wir ſch on in allen Dimenſionen das Emporſtreben ausgeſprochen, welches die Gothik bezeichnet. Sie iſt eine Baſilika, deren Grundgeſtalt das Kreuz iſt, ihr Schiff dreifach, indem von der Mitte durch je zwei Säulen und einen Pfeiler Seitenräume abgetrennt ſind. Das Mittelſchiff zeigt eine auffallende Höhe und erſcheint infolge deſſen etwas zu ſchmal. Ohne Strebepfeiler, nur mit einem einfachen, rundbogigen, unter dem Dache hinlaufenden Fries geſchmückt, ſtei⸗ gen Mittelſchiff und Seitenräume in wirkungsvoller, edler Ein⸗ fachheit empor. Ueber der Vierung, der Stelle, wo das Quer⸗ ſchiff das Hauptſch hiff kreuzt, erhebt ſich der polygonale Haupt⸗ thurm, zwei andere Thürme ſtehen am Weſtende des Gebäudes. Ein reich gefiederter Kranz von Abſiden ſchließt die öſtliche Hälfte, wo ſich der Chor befindet, deſſen Wände und deſſen Fußboden in Moſaiknachahmung bemalt ſind und auf welchen Fenſter mit Glasmalereien bunte Lichter fallen laſſen.
Auch dieſe Kirche war lange Jahre vernachläſſigt und drohte zuletzt den Einſturz. In den Jahren 1848 bis 1863 wurde ſie von Baurath Haſe auf Koſten der k. Kloſterkammer reſtaurirt. Während die Michaeliskirche den Proteſtanten gehört, befindet ſich die Godehardikirche im Beſitz der Katholiken Hildesheims, die beiläufig etwa ein Drittel von deſſen Einnahmars ahl ausmachen.
Ebenſͤlis in den Händen der katholiſchen Kirche iſt der Dom, das älteſte Bauwerk der Stadt und auf drei Seiten von einem hübſchen, von Bäumen beſchatteten Platze umgeben.
Ehe wir ihn beſuchen, geſtatten wir uns als Weltkinder einen kurzen Abſtecher nach der hart neben ihm in einem kühlen Winkel gelegenen Domſchenke, wo die alten Domherren, ein Geſchlecht heiterer Weiſen, nach dem Spruche, der den Deckbalken der Vorder⸗ ſtube ziert und nach welchem, wenn„das Alter ſich zur Jugend trinkt, das Trinken zur Tugend wird“, manch feine Flaſche geleert haben ſollen. Auch heute noch geht es in deſſen Hinterzimmer bei dem guten Weine des Wirths noch bisweilen recht heiter zu. Mich ſelbſt überkommt die Luſt, an dem traulichen Orte im Geiſte ein paar Stunden Hütten zu bauen und die Mutterfläſchchen des wohl⸗ verſehenen Kellers wieder zu verſuchen, wie ich's vorigen Sommer mit Hoffmann v. Fallersleben und anderen wackern Freunden ge⸗ than. Aber Alles zu ſeiner Zeit, und ſo mag's bei dem Wink und bei Verzeichnung des Spruchs jener Domherrenweisheit bleiben, der vollſtändig lautet:
„Jugend iſt Trunkenheit ohne Wein, Doch trinkt ſich das Alter zur Jugend, So wird das Trinken zur Tugend.“
Der Dom ſelbſt iſt als Gebäude nicht viel werth. Wieder⸗ holt abgebrannt und wieder Kifgebat zeigt er von dem Münſter, welches der erſte Biſchof Hildesheims hier oder etwas ſeitwärts
von der Stelle errichtete, keine Spur, und auch der Neubau, den Biſchof Hezilo vor nunmehr tauſend und ſechs Jahren aufführte,
iſt durch vielfache Um⸗ und Anbauten und vorzüglich durch eine im vorigen Jahrhundert im Geſchmack der Jeſuiten vorgenommene Reſtauration, wobei Weiß und Gold nicht geſpart wurde, der⸗ maßen verunziert, daß man wenigſtens im Innern bisweilen Mühe hat, das Mittelalter und ſeinen Stil herauszufinden. Auch der Vorbau im Weſten mit ſeinen beiden Thürmen, der 1850 voll⸗ endet wurde, macht wenig Anſpruch auf Schönheit.
Dennoch iſt das alte Münſter im hohen Grade ſehenswerth und zwar namentlich als ein Muſeum von Alterthümern und Kunſtwerken aus allen Jahrhunderten ſeiner Exiſtenz. Aus dem ſechszehnten ſtammt der ſogenannte Lettner, eine prächtige Stein⸗ arbeit vor dem Sacrarium, welche im beſten Stil der Renaiſſance ausgeführt iſt. Das dreizehnte hat ein außerordentlich ſchönes, metallenes Taufbecken hierher geſtiftet, welches in einer der Ca⸗
Ein amerikaniſcher
Für den Bürger der nordamerikaniſchen Union giebt es im
Allgemeinen wenige Sitten und Gebräuche, die er auf Grund ihres
Alters allein in Ehren hält und die ihn an den heimathlichen Boden zu feſſeln vermögen. Er hat keine beſonderen uralten Familien⸗ oder Standesehren, welche ihm ſeine Vorfahren aus grauen
pellen des nördlichen Seitenſchiffs den Figuren getragen, die, aus Urnen Waſſer ausgießend, ver⸗ muthlich die vier Flüſſe des bibliſchen Paradieſes porſtellen⸗ und zerfällt in vier Abtheilungen, von denen die erſte die Donation, die zweite den Zug der Juden durch das rothe Meer, die drit tte die Taufe Jeſu und die vierle den Durchgang des Volkes Iſrael durch den Jordan enthält— Gruppen, die durch Figuren und Säu⸗ len geſchieden ſind. Ebenſo hat der Deckel vier Felder, von denen eines Aaron mit der grünenden Ruthe, ein anderes den bethle⸗ iſcen Kindermord, ein drittes die Waſchung der Füße Jeſu durch Magdalena und ein viertes die Werke der Barmherzigkeit darſtellt.
Wahrſcheinlich ſchon aus dem zwölften Jahrhundert iſt der kleine vergoldete Silberſarg, in welchem die Gebeine St. Gode⸗ hard's ruhen. In dieſelbe Zeit gehört der großſ; Armleuchter vor dem Chore, den man die Irmenſäule nennt. Der Schaft iſt ein bräunlicher Kalkſinter, wie er ſich in alten Waſſerleitungen an⸗ ſetzte. Mit der altheidniſchen Irminſul hat er nichts zu thun. Sicher vaeden iſt, daß der große Kronleuchter, der das Mittel⸗ ſchiff des Domes ziert, vom heiligen Bernward wenigſtens begon⸗ nen und von Hezilo, deſſen viertem Nachfolger, vollendet worden iſt. Der mächtige ſtark vergoldete Kupferreif von einundzwanzig Juß Durchmeſſer ſtellt die Mauer des himmliſchen Jeruſalem vor. Die Mauer zeigt zwölf große und ebenſo viele kleine Thürme, die Zwiſchenräume zwiſchen denſelben ſind aus weißem Blech gearbeitet, in den geöffneten Thoren der Thürme ſtanden einſt kleine Silber⸗ figuren von Propheien und chriſtlichen Tugenden, welche im dreißig⸗ jährigen Kriege von Soldaten geraubt wurden.
Berſchiedene ſchöne und koſtbare Kelche und Patenen, Kreuze und Leuchter, Biſch hofsſtäbe und Meßbücher, die der Dom bewahrt, gehören nach der Sage ebenfalls Bernward an, können aber auch jünger ſein. Mit Sicherheit dagegen will man dem heiligen Gold⸗ ſchmiede und Erzgießer die hohen gegoſſenen Metallthüren mit merkwürdigen Darſtellungen aus der bibliſchen Geſchichte, welche das Mittelſchiff des Doms gegen das im Weſten befindliche Para⸗ dies abſchließen, und die jetzt auf dem Domhof ſtehende ſogenannte Chriſtusſäule mit Haut rrliefs aus dem Leben des Erlöſers zu⸗
ſteht. Es wird von vier knieen⸗
ſchreiben.
Wir befinden uns vor dieſen Reſten der Kunſtfertigkeit Bernward's in ſehr alter Zeit. Der Odem des erſten chriſtlichen Jahrtauſends weht uns an. Andere Schätze des Domes, ein
Kreuz, welches Ludwig der Fromme hierher geſtiftet haben ſoll, eine Gabel und ein Trinkhorn Karl's des Großen, machen An⸗ ſpruch darauf, noch älter zu ſein. Ein Behältniß endlich von halbmondförmiger Geſtalt, welches Reliquien von Jeſus und Maria bewahrt, das„Heiligthum unſerer lieben Frauen“ will die Kapſel ſein, welche der Prieſter Ludwig's des Frommen bei jener Jagd im Urwalde vergaß, die zu Hildesheims Gründung Veranlaſſung wurde. Ob ſie damit Recht hat, wird bezweifel
Geriſſer iſt, daß ein anderer Zeuge jenes Ereigniſſes, den der Küſter außen an der öſtlichen Wand der halbkreisförmigen Domabſis zeigt und mit dem unſere Schilderung zu ihrem Anfang zurückkehrt, daß der tauſendjährige Roſenſtock der wirkliche uralte Strauch iſt, ſür den er ſich ausgiebt. Auf den erſten Blick ſieht er nicht ſo aus. Ein halb Dutzend Stämmchen, etwas mehr als zolldick und ungefähr von drei⸗ facher Mannshöhe breiten ſich an der grauen Mauer dieſes älteſten Theiles des Domes und treiben im Sommer Hunderte von Blüthen. Aber der Urſtamm dieſes Urgreiſes des Roſen⸗ geſchlechts, der, über zehn Zoll ſtark, unten in der Krypte wurzelt, die unter der Chorniſche liegt, läßt einen guten Theil unſerer Zweifel verſtummen, und was übrig bleibt davon, ſchwindet vor dem hiſtoriſchen Nachweis, daß ſchon Biſchof Hezilo den Strauch vor⸗ fand und durch ſeine jetzige Ueberdachung ehrte.
Brief aus Thüringen.
Zeiten überlieferten, mit andachtsvoller Scheu aufrecht zu erhalten,
denn Stellung und Beſchäftigung ſind meiſtens einem häuſien und oft urplötzlichen Wechſel unterwoörfen; deshalb fühlt auch d Bewohner kaum irgend eines andern Landes ſo wenig das Be⸗
dürfniß und die Neigung, an der Scholle kleben zu bleiben, wie
wunderbaren
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