1 1 1 1
—
V Taylor erzählt, daß Fritz Reuter ſich durch ſeine literariſchen Arrbeiten ein recht comfortables Leben zu bereiten im Stande iſt, unnd knüpft hieran eine Reihe intereſſanter, wenn auch nicht immer Zutreffender Bemerkungen über die deutſche Journaliſtik überhaupt, voon denen wir nur folgende hervorheben wollen:„Reuter's Erfolge als Scchriftſteller laſſen ſich mit dem, was engliſche, franzöſiſche und nord aamerikaniſche Autoren erreicht haben, kaum vergleichen. land wird eben das Schriftſtellerthum— trotz der tellectuellen Bildung und trotz des wiſſenſchaftlichen Strebens im deutſchen Volke— ſehr kläglich honorirt. Ich vermuthe, daß d Grund dieſer bedauernswerthen Erſcheinung vorzüglich darin liegt, daß ſo wenige Menſchen aus dem Mittel ſtande daran denken, ſich eine eigene leidliche Bibliothek anzuſchaffen. Die Leihbibliotheken liefern dem Volke den billigſten Vfeſtoff und nur von wenigen Werken, welche eine ganz beſondere Popularität errangen, iſt eine ſtarke Anzahl verkauft worden. In dieſen Leihbibliotheken giebt es nicht blos Bücher, ſondern auch periodiſche Zeitſchriften. Letztere müſſen hierdurch an Circulation vedeeren und ſind, wenn ſie über— haupt Privatſubſcriptionen haben wollen, gezwungen, zu einem höchſt niedrigen Preiſe zu erſcheinen. Wenige von den vielen periodiſchen Zeitſchriften Deutſchlands erreichen eine Ausgabe von zehntauſend Exemplaren; daher ſind die Honorare für die Mit⸗ arbeiter ſelbſtverſtändlich ſehr gering. Keil's ‚Gartenlaube' macht hiervon eine Ausnahme; ihre Auflage beträgt mehr als einhundert und fünfzigtauſend Frenide are und ſie bezahlt, wie man mir ge⸗ ſagt, fünfzig Thaler für den Bogen, der ungefähr ſo viel Leſeſtoff bietet, wie vier oder fünf Spalten der ‚New⸗York Tribune’ liefern. Dieſe Bezahlung gilt für ungewöhnlich hoch, und man nennt ſi thatſächlich noch immer ‚Honorar’, als wenn die Entſchädigung d Schriftfeeler für ihre Arbeiten nicht etwas ſei, wozu ſie in hedor Beziehung berechtigt wären.“
Wir dürfen hier übrigens die Benſerkung nicht zurück halten, daß Herr Bayard Taylor hinſichtlich der„Gartenlaube“ irrt. Alle, welche mit der„Gartenlaube“ kungen Zeit in Verbindung ſtanden, wiſin, daß ſowohl ihre Auflage als das Honorar, welches ſie zahlt, höher ſind. als wie Taylor angiebt. Ihre Auflage beträgt jetzt mehr als 250,000 Exemplare, und fünfzig Thaler pro Bogen i*ſt der niedrigſte Honorarſatz, den ſie kennt und der höchſtens ein⸗ mal bei Bennbeichneaen aus fremden Sprachen angewandt wird. Sie zahlt vielen ihrer Mitarbeiter den Bogen mit hundert und mehr Thalern.
Das Verhältniß zwiſchen den lern iſt, wie
In Deutſch— großen in⸗
Schriftſtellern und Buchhänd Taylor meint, in Deutſchland nicht ſo gut geregelt,
Blätter
Todesfälle in der vornehmen Welt. In Berlin iſt die Todten⸗ liſte vorigen Jahres uit vielen vornehmen Namen angefüllt. Graf Lüttichau, Graf Brühl, Graf Blankenſce und Graf Krockow ſind geſtorben. Erſtere beiden Herren waren Generale a. D., wie es in Berlin ſo viele giebt, aber ſie machten„ein Haus“, was in Berlin nicht ſo häufig iſt, wie man viel leicht glaubt. Beide hatten ſich in ſpätem Alter mit Damen verheirathet, die ihnen für ihre Titel viel Geld und viel Geiſt zubrachten, alſo die nothwendigen Ingredienzien zu einem Salon lieferten, der ohne die ominöſen Reime„Titel und Mittel“ leider heutzutage nicht beſtehen zu können ſcheint. Bei der Gräfin Brühl verſammelte ſich der Hofcirkel, bei der Gräfin Lüttichau die Gelehrtenwelt; beide Damen haben als Wittwen ihre Salons geſchloſſen, und Berlin wird dieſe Lücken tief empfinden. Der Graf Krockow kann nur als Vater des bekannten Afrika⸗Reiſenden und des talentvollen Thiermalers auf einige öffentliche Anerkennung Anſpruch machen Graf Blankenſee hingegen iſt als Schriftſteller mehr fach in die Oeffentlichkeit getreten und gehörte als Zeitgenoſſe Fouqué's,
Hoffmann's, Heine’s, Immermann's gewiſſermaßen der berühmten Ver⸗ gangenheit unſerer Literatur an. Er kommt in den Memoiren der
Schriftſtellerinnen jener Zeit, der Baronin von Hohenhauſen, geborenen von Ochs, der als fahrenden Minneſängerin bekannt gewordenen Helmina von Chezy geborenen von Klencke, öfter vor als ſchöner Geiſt und noch ſchönerer Mann, was ſeine Bekannten der letzten Lebensjahre nicht glaubhaft finden, denn er war in Berlin faſt nur noch als ſeltſames Original anerkannt, obgleich er bis zuletzt viel Aeußeres und namhafte Talente beſaß. Er ſchrieb noch eine Tragödien Trilogie„Moritz von Sachſen“ in ſeinem ſiebenzigſten Lebensjahre und trug wenige Stunden vor ſeinem Tode die ſchwierigſten Paſſagen auf der Geige in zahlreicher Geſellſchaft vor. Der Erbe ſeines ſehr großen Vermögens iſt der Neffe ſeiner Gatun, einer geborenen Prinzeſſin von Schöneich⸗Karolath, Baron Firks, der als Gemahl von des Grafen einziger Tochter den Namen Blankenſee fortführen wird. Auch eine ſchöne junge Frau der vornehmſten Kreiſe iſt auf die Todienliſte zu ſetzen, die Fürſtin von Putbus geborene Freiin
van Veltheim; ſie war an Eleganz, Lebensluſt, Glück und Liebenswürdig⸗ ganz daſſelbe ſür Berlin, was die Fürſtin Metternich für Paris iſt.
ker har eine kühne Reiterin und Jägerin, das Vorbild aller Toiletten⸗
111
laſſen, ſondern nur des ſeltenen Mannes Wirken nud
wie in Enntand und Nordamerika. Selbſt Dichter, wie z. B. F. Freiligrath, können von dem Ertrage ihrer werthvollen und ſehr populären Werke nicht leben. Eine große? Anzahl deutſcher Autoren ſucht, ſobald ihre Schriften irgendwie reuſſirt haben, eine Anſtellung. bei einer größern öffentlichen Bi ibliothek, bei einem Theater oder einem Muſeum zu erhalten, um ſich eine ſichere Einnahme zu verſchaffen. Taylor nennt hier zum Belege ſeiner Behauptung: Bodenſtedt, Geibel, Dingelſtedt, Halm u. A. Der Preis eines Buches hängt von dem Grade der Berühmtheit des Autors ab. Jüngere Kräfte müſſen mit dem zufrieden ſein, was man ihnen bietet, wenn man ihnen überhaupt etwas bietet. Die Einnahmen, welche Schiller's Werke heljefert, ſtehen nach Taylor's Anſicht in gar keinem Ver⸗ hältniſſe zu dem, was Waſhingt on Irving oder Dickens aus ihren Werken zogen. Dazu kommt, daß ein amerikaniſcher Schriftſtel ler viel mehr aus ſeinen Vorleſungen einnimmt, als wie dies bei deutſchen Autoren d durchſchnittlich der Fall iſt.„Während Emer ſon,“ ſagt Taylor, eingeladen nnd, würde es ſehr zweifelhaft geweſen ſein, ob Hegel oder Fichte anderswo Zuhörer gefunden hätten, als in Hauptſtädten und Univerſitäten.“ Emerſon iſt auch weder ein Fichte noch ein Hegel; dieſe würden in Amerika vielleicht nirgends Zuhörer ge funden haben. Auch ſcheint Taylor von den Vorleſungen Karl. Vogt's nichts zu wiſſen, welche dieſem während des Winters allein ſechs⸗ bis achttauſend Thaler Reingewinn bringen. D. Red. Schließlich geſteht Taylor zu, daß in den Vereinigten Staa⸗ ten noch keine wirkliche Geſchichte der nordamerikaniſchen Literatur erſchienen ſei. Er beklagt, daß er hierin Herrn K. F. Neumann Recht geben müſſe, und ſpricht dabei die Anſicht aus, es würde ein verdienſtliches Werk ſein, wenn Jemand eine Geſchichte der nord damerikaniſchen und europäiſch-engliſchen Literatur herausgäbe, worin die Unterſchiede des Mutter⸗ und des Tochterlandes hervorge⸗ hoben ſeien. Auch leugnet er nicht, daß Amerika, wenn es der Zahl nach auch mehr Leſer beſitze, hinſichtlich der Fähigkeit und tiefern Bildung derſelben weit hinter Deutſchland zurückſtehen müſſe. Mit großer Freude begrüßt er die Thatſache, daß man gegen wärtig häufig das amerikaniſche Leben als ein Element des Con traſtes und der Illuſtration in die deutſche Literatur einz zuführen beginne. Er erwähnt hier als ein nachahmungswürdiges Beiſpiel Hermann Grimm's„Unüberwindliche Mächte“(Unconquerable
Powers), denen er einen guten engliſchen Ueberſetzer wünſcht. In dem Haupthelden dieſer Dichtung, Mr. Wilſon, will er den geiſt⸗ reichen Emerſon wiedererkennen, deſſen erſter Ueberſetzer H. Grimm iſt.
Rudolph Döhn.
und Blüthen.
künſte und Moden. In ihrem Hauſe fanden die glänzendſten Feſte ſtatt; ihre orangegelbe Equipage fehlte auf keinem Corſo und ihre ſtets durch Neuheit und Reichthum auffallenden Toiletten konnte man auf der Alltags promenade des Thiergartens bewundern. Dabei war ſie trotz der Welt luſt eine menſchenfreundliche Wohlthäterin der Armen und trat auch als Beſchützerin der vornehmen Armuth auf, die von den Gelbſäcken der Ber liner Salons oft ſchonungslos genug behandelt wird.
Nbrocht Dürer's ſogenannte kleine Paſſion, das hochgeſchätzte Werl von 1510, aus der ſchönſten Zeit des Altmeiſters deutſcher Kunſt, welches baner Seltenheit und Koſtbarkeit wegen bisher nur in wenigen Kunſtſamm lungen zu finden war, iſt von C. Deis in Stut ttgart mit einer Treue und Künſtlerſchaft dem Originale in Holz nachgeſchnitten worden, daß es nur dem eingeweihten Kenner vorbehalten bleibt, das Original von der Copie
zu unterſcheiden. Bei dem ſteigenden Jutereſſe für altdeutſche und chriſt liche Kunſt wird hiermit die Möglichkeit geboten, dieſe berühmten Blätter als ein Gemeingut des Volkes in den Beſitz Aller zu bringen, die ſich an echt deutſcher Kunſtſchöpfung erfreuen und erbauen wollen Der Götter Liebling, Rafael, ſagte bekanntlich von Dürer:„Er würde uns Alle über treffen, wenn er die Vorbilder des Alterthums ſo vor Augen gehabt hätte, wie wir.“ Mit dieſe m eminenten Lobſpruch auf den ſchöpferiſchen Genius Dürer'’s wollen wir die zugleich ausgeſprochene, ſich auf die Kunſtform be⸗ ziehende Beſchränkung gern hinnehmen und unter allen Umſtänden uns des reichen Segens erfreuen, neben einem Rafael unſern ureignen deutſchen
Dürer zu haben.
Die vorliegenden ſiebenunddreißig vortrefflichen Blätter enthalten den Sündenfall, D zarſtellungen aus dem Leben und Leiden Jeſu und das letzte Gericht, ſind in der Krüll'ſchen Buchhandlung in Eichſtätt und Stuttgart erſchienen und koſten in eleganter Mappe ſechs Gulden.
O. L. B. Wolff's Verdienſte um unſere ſchöne Literatur beginnen endlich auch für ſeine hinterlaſſenen Lieben nachträgliche Früchte zu tragen. Trotzdem die„Gartenlaube“ keinen Aufruf, keine Bitte für dieſelben er velden der Gegen⸗ wart vor Augen geſteltt hat, ſo ſandte dennoch„ein alter Freund Woißf 8
„nach Jowa und Minneſota zu Vorleſungen.
—
—


