Jahrgang 
6 (1868)
Seite
94
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Der Schatz des Kurfürſten.

Hiſtoriſche Erzählung von Levin Schücking. (Schluß.)

Wir wollen ihnen auf ihrem gefahrenumgebenen Wege nicht folgen, genug, daß es Menſing's Umſicht, Behutſamkeit und ſeiner Geiſtesgegenwart gelang, mit Wilhelm g lücklich die Grenzſtadt zu erreichen, wo der Agent des Kurfürſten ihn erwartete, ihnen die Laſt, die ſie Beide getragen, abnahm und ihnen eine neue Ver⸗ kleidung zur Rückkehr ſc haffte. In dieſer traten ſie den Heimweg an, um dann mit einer neuen Laſt zurückzukehren und unter ihren goldenen Bürden ſo lange hin und her zu wandern, bis der ganze Schatz unverkürzt geborgen und in Sicherheit war. Und ſowie dann das Gold nach dem däniſchen Auslande(zunächſt Itzehoe), wo ſein Eigenthümer ſich befand, geſchafft wurde, ſo war es auch für die beiden Retter Zeit, ſich in den Bereich dieſes völlig ſichern⸗ den Auslandes zu begeben.

Sie hatten auf Lohn für ihr muthiges und gefährliches Thun nicht gehofft. Und in der That, ſie bekamen auch keinen. Kur fürſt Wilhelm ſchien in dem Get hanen nur eine erfüllte Aflicht⸗ leiſtung zu erblicken. Doch dankte er ihnen mit gnädigem? Lächeln, als ſie vor ihm erſchienen und Menſing 5 die Einzelheiten der Rettung berichtet hatte, wobei man des Oberſten La Croix nur als eines franzöſiſchen Officiers erwähnte, ohne den Namen zu nennen.

fhe iſt ein recht durchtriebener Burſche, Menſing; Er hat ſich klug und brav dabei wonmmegen, ſagte er.Ich werde Ihm das nicht vergeſſen! Er kann die Nechnung über ſeine Auslagen einreichen; ich will ſie Ihm eiſteu teu laſſen.

Eine Rechnung? autwortete Menſing betroffen,aber Durch⸗ laucht werden nicht Veilaväeie d daß ich mich all' der kleinen einzel⸗

nen Ausgaben entſinnen ſoll. Der Vnſrbeior Steitz hat mir tau⸗ ſend Gulden gegeben; die ſind beim Hin- und Widerreiſen, zum Anſchaffen von Verkleidungsſtücken, Beſtechungen, Trinkgeldern in größeren, kleineren und kleinſten Poſten d daraufgegangen... das iſt meine Rechnung! * Nun, iſt auch gut, iſt auch gut! verſetzte der Kurfürſt, den ein wenig zornigen Ton, worin Menſing geſprochen, beſchwichtigend.

Und, fuhr Menſing fort,zu der Beſtechung des franzö⸗ ſiſchen Officiers, von der ich die Gnade hatte, berichten zu dürfen, ſind fünfzigtauſend Thaler von dem Schatze ſelber genommen. Fünfzigtauſend Thaler! rief der Kurfürſt wie erſchrocken aus,zum Teufel, weiß Er, daß das viel iſt?!

Ja viel, juſt ſo viel wie nöthig war!

Hm, machte der Kurſüirſte Menſing ſcharf ſixirend, Er will mir den Namen dieſes Offſiciers nicht nennen?

Ich gab mein Ehrenwort, es nicht zu thun.

Auch den Grad und die Waffe nicht? 25

Ich glaube nicht, daß ich es darf, Durch laucht.

Da werd' ich ja wohl Sein bloßes Vort gelten müſſen?

Ich bitte darum!

Menſing ſprach dieſe Worte in Kurfürſt nicht recht den Muth fand, dem Manne, wel chem er ſo viel verdanth zu antworten. Er entließ Menſing und ſeinen Be⸗ gleiter und hielt Beide an ſeinem bald darauf nach Prag verleg⸗ ten Hoflager bei ſich, wo ſie für die Verfolgungen der Franzoſen nicht u erreichen waren.

Denn dieſe Verf ſolgungen blieben nicht aus, wie eine Unter ſuchung deſſen, was in der Nacht vom 21. auf den 22. November auf der Napoleonshöhe geſchehen, nicht ausblieb. Das Verſchwin den Momberg's, die Entdeckung der erbrochenen und nur noth⸗ dürftig wieder hergeſtellten Mauerſtelle unter der Treppe am ſüd⸗ weſtlichen Flügel reichten hin, um dem ganzen Hofe Jerôme's die Ueberzeugung zu geben, daß von den nweſäßwedehan der Schatz entführt ſei. Die Ausſagen der hehur d'armen, welche dem Fourgon begegnet waren, und die ihres Oberſten konnten es nur beſtätigen, indem ſie von der kecken Ausrede berichteten, womit ſie von Men⸗ ſing gebäuſch waren. Der Oberſt La Croix hielt dabei an ſeinem Ehrenworte ehrlich feſt. Er gab an, wie er auf dem Balle ent⸗ deckt, daß er von Menſing überliſtet ſei, wie er zu einer Berfe l⸗ gung des Lieutenants davon geſtürzt ſei, aber wie alle ſeine Be⸗ mühungen, ihn einzuholen, vergeblich geweſen.

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und

laſſen

einem Tone aus, da

Koſaken Czernitſchew's

Eine Hausſuchung auf dem Pachthofe der Mutter Menſings und die Vernehmungen dieſer Frau gaben keine Reſultate. In Folge von Graf Boucheporn's Angaben, unter welchem Vorgeben der Inſpector Steitz ihn bewogen, ihm den Fourgon zur Dispo⸗ ſition zu ſtellen, wurde Steitz wiederholt vernommen. Er blieb in ſeiner Vertheidigung conſequent bei der Angabe, daß er nichts beabſichtigt habe, als ſeine Tochter zu entfernen, und zwar aus den Gründen, die er dem Grafen Boucheporn vertraut; daß, wenn der Lieutenant Menſing dieſe Gelegenheit benutzt, den Schatz zu entfernen, er völlig ohne Mitſchuld daran ſei; daß er nimmer⸗ mehr, wenn er geahnt, wie gefahrvoll dieſe Fahrt werden ſolle, geduldet haben würde, daß ſein einziges Kind ſolche Gefahren theile es müſſe Jedermann einleuchten, daß, wenn er auch ſeinem früheren Herrn noch anhänglich ſein ſollte, dieſe Anhäng⸗ lichkeit doch nimmermehr ſo weit gehen würde, um ſein eigenes Leben nicht blos, ſondern auch das ſeines Kindes auf's Spiel zu ſetzen!

Dieſer Grund leuchtete ein und er ſchlug durch. Daß alt⸗ heſſiſche Dienertreue ſo weit gehen könne, konnte den Franzoſen allerdings nicht in den Sinn kommen anzunehmen. Und ſo muß⸗ ten ſie davon abſtehen, Steitz zn inquiriren, wie ſie überhaupt davon abſtehen mußten, hinter das Geheimniß zu kommen, wer Gehülfe und wer Mitwiſſer geweſen bei der mit ſo viel Verwe⸗ genheit wie Glück ausgeführt en That. Sie trafen eben bei allen Nachforſch hungen auf die große einträchtige Verſchwörung des ganzen Volkes wider die aufgedrungene fremde Herrſchaft.

Ein gewiſſer Verdacht blieb jedoch ſtets auf dem Inſpecker Steitz haften, und damit hing es wohl zuſammen, daß der alte Herr plötzlich als Inſpector nach dem königlichen Schloſſe Corvey an der Weſer verſetzt wurde.

Die Herrlichkeit desniedlichen Königs hatte, Gott Lob, keine lange Dauer. Am 30. September 1813 verſcheuchten die König Jeröôme aus ſeinem Reich. Der In⸗ ſpeetor Steitz hatte kaum dieſe Freudenbotſchaft vernommen, als er fich hochklopfenden Herzens auf den Weg machte, um ſeine ge⸗ liebte Wilhelmshöhe zu erreichen, von der er ſofort als Inſpector wieder Beſitz nahm. Aber ach, der Jubel war ſo voreilig geweſen, wie Czernitſchew's Streifzug keck und ohne unterſtützenden Rück⸗ halt unternommen; nach achtzehn Tagen war Jerôme wieder da! Die ruſſiſchen Truppen hatten ſich zurückgezogen und Jeréöme war wiedergekommen, um ſich zu retten und mitzunehmen, worauf er die Hand legen konnte. Nur acht Tage lang dauerte dieſe zweite Herrſchaft, aber es waren acht Tage des Schreckens. Der In⸗ ſpector Steitz wurde nebſt zahlreichen Anderen verhaftet und in das CaſſelerCaſtell geſperrt. In Angſt und Zagen harrte er dort ſeines Schickſals, bis die ruſſiſchen Vortruppen noch einmal vor den Thoren der Stadt erſcheinen und Jeröme mit der ge⸗ ſicherten Beute die Flucht zum zweiten Male, und diesmal für immer, ergreift. Die Kerkerthüren öffnen ſich und Steitz iſt frei.

Im November 1813 kehrte Kurfürſt Friedrich Wilhelm der Erſte in die Reſidenz ſeiner Väter zurück, umjubelt von ſeinen getreuen Unterthanen, von ihren Armen ſtatt von Pferden durch die Straßen Caſſels zu ſeinem Schloſſe gezogen.

Er habe nur ſieben Jahre geſchlafen, ſagte der alte Herr, und in der That, er ſah, wie er aufrecht in dem offenen Wagen ſtand, ganz ſo aus, als ob er viele, viele Zeit, nicht ſieben Jahre, ſondern ein Vierteljahrhundert verſchlafen habe, dieſer häßliche alte Mann in einer lächerlichen Uniform, mit einem dicken Zopf an der Perrücke und einem großen Gewächs am Halſe, das ihn zwang, den Kopf ſeitwärts zu halten.

Den Jubel ſeiner vom Druck und D ſchaft befreiten Unterthanen aber ſtörte das nicht.

Drang der Fremdherr⸗ Die Enttäuſchungen ſollten erſt ſpäter kommen; doch für Niemanden ſo früh, wie für den treueſten aller Treuen, ſür den Schloßinſpector auf der Wil⸗ helmshöhe.

Steitz harrte in freudigſter Aufregung des erſten Beſuchs ſeines Herrn auf der Wilhelmshöhe; ſein Herz pochte dem ſeligen

Augenblicke entgegen, wo er ihn wieder ſehen werde, wo er ihm die Hand küſſen und glücklich ſeins werde durch ein Wort des

Dankes von ſeinen eigenen& 4