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ſie noch hundert Jahre ſpäter im Süden wie im Norden des gan⸗ zen deutſchen Vaterlandes als die Typen der ſehr großen und nie ausſterbenden Race erkennt, der von den Studenten ſpäter, lange nach Kortum's Tode, mit dem Namen„Philiſter“ gekennzeichneten deutſchen Spießbürger. Wir haben erzählt, wie der Autor der Jobſiade es anfing: er ſtudirte und ſchrieb nach dem Leben, und hat nur dadurch Unſterbliches an das Licht gefördert. Er ſſelbſt iſt im Jahre 1824 geſtorben; aber ein Menſchenalter nach ſeinem
Tode folgte dem Dichter des Philiſters der Maler nach, der nicht minder bedeutend wurde, weil er gerade ſo wie ſein Vorgänger verfuhr: der bekannte Johann Peter Haſenelever, der geniale Schöpfer des vielfach nachgebildeten und verbreiteten „Examens“(us der Jobſiade), der„Weinprobe“, der„Spiel⸗ bank“ und des„Leſecabinets“.
Haſene lever's Geſichtskreis war von Haus aus noch enger, als der Kortum's. Seine Heimath, das auf hohem Bergrücken bollegene Remſcheid, iſt ſo zerſtreut gebaut, daß ein geſelliger Ver⸗ kehr der Bewohner kaum herzuſtellen iſt, und wie die Finſände vor fünßzig Jahren, als der Sohn des Grobſchmieds Haſenclever ſeine Jugend verlebte, geweſen, hat er uns oft erzählt:„Wir ge⸗ langten in die Schule ebenſo bequem durch die Wand, wie durch die Thür.“ Mit hausbackenem Schulunterricht rüſtete ihn ſpäter die Bürgerſchule in Nonsdorf aus; daß er aber unter ſolchen Um⸗ ſtänden nicht ſogleich ein Genie wurde, wird ihm Niemand ver⸗ denken. Als er auf der Düſſeldorfer Akademie ſchon den Antiken⸗ ſaal und die Malclaſſe hinter ſich hatte, ſagte ihm der Director Schadow:„Sie hätten lieber Sch huſter werden ſollen, als Maler.“ Freilich quälte ſich der arme Kuuſtſünger damals noch mit bibli⸗ ſchen und Hiſtorienbildern. Erſt, als die Jobſiade ihm ſo gut gefiel, daß er eine Nachahmung der Knittelverſe zu ſchreiben ver⸗ ſuchte, kam er auf die rechte Fährte und wurde der Apelles des deutſchen Philiſters.
„Wenn ich meine Originale nicht ſtehle, ſo kriege ich die richtigen nicht,“ ſagte er mir eines Tages im Kaffeehauſe, als
, hinter einer Zeitung verſchanzt, den charakteriſtiſchen Kopf eines damals in Düſſeldorf neuangeſtellten Vandgerichtgrathes ſkizzirte. Ich fand es recht philiſterhaft, ſeine Phyſiognomie einem Künſtler zu verweigern, und citirte das Beiſpiel eines Freundes, deſſen Antlitz Schadow zu einem Chriſtuskopf und Hildebrandt zum Mörder Tyrrell in den ‚Söhnen Eduard's benutzt habe.„Ja, wenn man aus einem Kopfe was machen kann! Aber wenn ich Modell male, ſo weiß Jeder, daß er auf dem Bilde ein dummer Kerl wird. Du, zum Weiſpſel⸗ haſt einen prächtigen Kopf für den Jobs; was würdeſt Du ſagen, wenn Du mir ſitzen ſollteſt?“
„Daß ich auf der Stelle dazu beret bin,“ lautete mein Entſchluß, und ſo kam ic ln der Ehre, die mir heute noch eine zweifelhafte Eloge Seitens meiner Kinder einbringt, wenn ſie den großen Kupferſtich ‚das Exa⸗ men“ betrachten und in der Hauptfigur den Papa er⸗ kennen.
Haſenclever wollte mich mit ſeinem Vorſchlage nicht beleidigen, er glaubte nicht ſo ſtreng au Lavater, daß er eine Uebereinſtimmung des Geiſtes mit dem oberflächlichen Geſichtsausdruck angenommen hätte, und der feinere Ausdruck, der Charakter des Geſichtes blieb ſeinem Künſtlertalente vorbehalten; ihn copirte er nicht von dem Modell. Aber wie hat jener nun längſt in Gott ruhende Land⸗ gerichtsrath es ihm verdacht, daß er leibhaftig einen Platz erhielt auf dem großen Bilde aus 1848: ‚Stadtverordnete empfangen eine Arbeiter⸗Deputation“! Die Figur, zu welcher er damals im Café unbewußt geſeſſen, ſchlich ſich nämlich vor der drohenden Gefahr leiſe aus der Sitzung fort. Hatte der Maler dies Motiv etwa nicht dem Leben entnommen? Waren nicht in Köln vier „‚Väter der Stadt“ ſo tapfer geweſen, daß ſie in die ſogenannte Löwengrube des alten Rathhauſes hineinſprangen und Einer von ihnen 14 das Bein brach?
Die Feigheit des Philiſters zu charakteriſiren, konnte er alſo nicht uhne Hinderniſſe unternehmen; viel beſſer ging es dagegen mit der Tapferkeit des Philiſters, die ſich bekanntlich nur hinter der Flaſche zeigt. Zu ſeinen„Weinproben“ fand er überall willige Modelle, obgleich er hier die Satire ebenſo vorwalten ließ, wie in ſeinen Jobſiade⸗Bildern, ugd es ihm gar nicht einfiel, elegante und genieſprühende Zecher darzuſtellen.
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„Für die meiſten Ihrer Conſumenten iſt dieſer Tropfen viel
zu gut, der Geiſt, das edle Feuer iſt an der Mehrzahl der Zecher
zugleich verloren,“ ſagte Haſenclever lachend, als wir in ſeiner Werkſtatt eine Achtzehnhundertſechsundvierziger in Geſellſchaft eines liebenswürdigen Weinbergbeſitzers von der Moſel genoſſen.
„Du darfſt mit ſolchem Weine Deine Philiſter nicht in Ver⸗ bindung bringen, der iſt für ideale Zecher hoigſen, bemerkte ich. Wir ſetzten feſt, daß er ſein eigenes Portrait zum Modell nehmen ſolle für das Bild eines Zechers, der mit dem Römer in der Hand eine Dithyrambe an⸗ ſtimmt. In überſprudelnder Laune ſagte er dem Weinlieferanten die Skizze dieſes neuen Bildes als Geſchenk zu
Im„Examen“ hatte Haſenclever die Gelehrten, in dem „Stadtrath“ die amtlichen Würdenträger, in den„Weinproben“ das Haus des Mittelſtandes gegeißelt, jetzt kam die„elegante Geſellſchaft“ an die Reihe. Er malte eine„Theeviſite“. Und weiter auf dieſem Gebiete ſich zu bewegen, componirte er eine„Spielbank“⸗ Geſellſchaft.„Du gehſt aus Deiner Sphäre heraus, ſagte ein Freund beim Anblick der Skizze,„das ſind keine Philiſter mehr.“
„In der Skizze vielleicht nicht, aber in der Ausführung ganz gewiß,“ vertheidigte ſich der Maler„Es giebt auch Leute, die in den Gelehrten des Examens keine eigentlichen Philiſter erkennen wollen. Wer ſteht dem idealen Streben der Jugend feindlicher gegenüber, als der Pedant? Wer iſt dem politiſchen Fortſchritt mehr abhold, als der dünkelhafte Schulfuchs oder gar der vribone Pfaff⸗ Der Erſtere ſchwört nur auf Plato und Lykurg, der Letztere nur auf die Bibel. Sind meine Stadträthe keine Philiſter, weil ich Richter und Beamte, Aerzte und Männer der haute Hnan. alte Krieger und junge Kaufleute in dem Collegium vereinte? Sieht man nicht allen dieſen Kerlen an, daß ſie die öffentlichen Intereſſen nach ihrem Privatvortheil bemeſſen, und hat Einer derſelben den Muth, für die Petenten, die nichts weiter als Arbeit verlangen, einzutreten? Meine ‚Zecher’ lachen wohl auch und freuen ſich des Lebens, aber daß ihnen der ſchnöde Materia⸗ lismus die Näubüſaühe im Leben bleibt, bezweifelt wohl Keiner, der die Bilder anſieht, und o, wenn ich nur ihre Converſation malen könnte! Und dieſe Spieler? Iſt nicht Habſucht und Ge⸗ winnſucht eine der hervortretendſten Eigenſchaften jener Menſchen⸗ claſſe, die ich auf's Korn genommen habe?“
Wir hatten zu der Zeit, als Haſenelever ſein Programm vertheidigte, eben die Wahlen von 1849 und die Zuſammenſetzung der Landrathskammer erlebt.„Ich will Dir noch mehr ſagen, lieber Has,“(ſo kürzten wir ſeinen vierſilbigen Namen ab)„die Erfinder des paſſiven Widerſtandes, die, ſtatt zu einer energiſchen That überzugehen, ſich hinter den Vorwand vom verletzten Princip der correcten Geſetzgebung“ zurückzogen und jetzt müßig zuſchauen, wie die Verfaſſung von den Landräthen verhackſtückt wird, ſind nichts weiter als echte deutſche Philiſter. Es ſind genau dieſelben Leute, wie ſie ihr weſtphäliſch cher Homer ſchon zur Zopfzeit in der Jobſiade geſchildert, Materialiſten, Egoiſten, Pedanten, engherzig und muthlos, und es kommt das deutſche Volk zu keiner Freiheit,
ſo lange ſeine Herrſcher dieſe großen Grundübel für ihre Zwecke
auszubeuten verfehene
Wenn er nun erſt die neue Zeit erlebt hätte, der gute wackere Haſenclever! Wenn er die Rechnungträger, die Erfolganbeter, die Streber und die Einheitsfanatiker um jeden Preis geſehen, was
hätte er noch Alles aus der Naturgeſchichte des deutſchen Philiſters
dargeſtellt! Aber——
Es war im Winter 1853. Behufs einiger Weihnachtseinkäufe befand ſich der Moſeler Weinhändler in Düſſeldorf, er ſuchte Haſenelever und mich im„Malkaſten“ auf.
„Unſer liebenswürdiger Freund iſt zu Hauſe,“ gab ich ihm Auskunft,„denn er iſt Reconvalescent und muß ſich in Acht nehmen, weil er ein Nervenfieber überſtanden. iſt fertig und Sie werden ſich freuen; an der Weinprobe malend, ſitzt Haſenelever lebensgroß und lebensvoll vor der Staffelei, ſchwingt den funkelnden Römer und ſcheint zu rufen: ‚Dieſes Glas der ganzen Welt!““
Am andern Tage ſahen wir das herrliche Bild, das Mono⸗ gramm darunter war nicht ausgeſchrieben, der Maler befand ſich im Nebenzimmer— als Leiche!
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Aber unſer Bild


