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begab mich von Frau von H. geraden Weges zu— Auguſte Satorius, die, höchſt unzufrieden mit ihrer„untergeordneten Stel lung“(ſie war nebenbei geſagt nirgends zufrieden), in der That nur ſpärlich mit dankbaren Rollen bedacht, voll wahren Heiß hungers auf beſagte Katze ſich ſtürzte. Wir wurden einig, daß ich in meinem Begleitſchreiben an die Direction dieſe Partie, dem Autorrechte gemäß, für ſie, für Auguſten beſtimmen ſollte.(Das iſt denn ſeiner Zeit geſchehen und hat die natürliche Folge gehabt, welche ein lebensklügerer Menſch vorausſehen mußte. Man ſchickte mir das Stück umgehend zurück und erklärte es für unbrauchbar; daſſelbe Stück, von welchem die incognito regierende Donna aſſolutiſſima ſich mehr denn entzückt gezeigt.
Im Augenblicke befinde ich mich aber noch in Weimar, ſtehe noch in vollſter Gunſt, welche ſich ſoweit erſtreckt, daß Madame Jagemann dem„talentvollen Schriftſteller“ ihre Maxia Stuart vorzuſpielen ſich entſchließt.
Nicht ohne frommen Schauder habe ich das Programm in der Hand gehalten, worauf die Namen Graff, Heide, Oels Namen aus glorreicher Schiller⸗Goethe⸗Epoche— verzeichnet ſtanden. Madame Jagemann gehörte ja ebenfalls noch dazu. Und nicht minder gehörte zu jenen meinen lieben langen Flegeljahren die aufrichtig⸗kindliche Pietät, der ſich willig fügende Reſpect ſür über kommene Autoritäten. Ich hatte mich ernſtlich bemüht zu ver geſſen, was ich vor Jahren in Berlin vernommen über ein Gaſt ſpiel der Jagemann auf dem königlichen Hoftheater. Sie war, ſo hieß es in Berlin, ausgeſtattet mit den gewichtigſten Empfehlungen, eingetroffen, demgemäß gebührend empfangen, und die Thüren zum Muſentempel waren ihr weit geöffnet worden. Zur erſten Auf trittsrolle hatte ſie„Precioſa“ erwählt; eine Partie, worin ſich, noben der recitirenden Schauſpielerin, auch die Sängerin, die Tänzerin zu zeigen Gelegenheit ſindet. P. A. Wolff ſchrieb dieſe Rolle für die in Blüthe der Jugend und Schönheit prangende Stich, und C. M. von Weber nahm bei Compoſition des Liedes: „Einſam bin ich nicht alleine“ Rückſicht auf deren Stimmlage. Welchen beiſpielloſen Erfolg die Stich gehabt, konnte in Weimar nicht unbekannt geblieben ſein. Doch Madame Jagemann mag
wohl das Berliner Publicum nach ihrem Weimariſchen gemeſſen und ſich eingebildet haben, vor erſterem eben ſo zu triumphiren, wie vor letzterem. Das wäre nun ein verzeihlicher Irrthum, weil er ein menſchlich-eitler und, was noch mehr ſagen will, weil er ein echt⸗weiblicher geweſen und weil das Schooßkind eines viel geliebten Regenten, berauſcht vom Beifall einer kleinen Reſidenz, Berlin leicht mit Weimar verwechſeln kann, beſonders wenn ihm der Berliner Skepticismus unbekannt geblieben. Daß aber eine Künſtlerin von Urtheil, Bildung und Geſchmack ſich durch kindiſche Eitelkeit ſo völlig verblenden ließ, als Precioſa zwiſchen Weber'’s himmliſche Muſik eine italieniſche Bravour⸗Arie mit Coloraturen (irr' ich nicht, aus der„diebiſchen Elſter“) einzulegen: dafür giebt es weder Entſchuldigung, noch Verzeihung! Das Berliner Parterre hatte denn auch dergleichen nicht vorwalten laſſen, nicht einmal mildernde Umſtände angenommen, hatte ſein Verdict unnachſichtig kund gegeben und zwar mit dem ſo geſprochenen wie geſchriebenen Wortſpiele:„Die Jagemann jage man!“
Dieſer Erinnerung ſuchte ich mich gewaltſam zu entſchlagen, da ich hin ging, Maria Stuart zu ſehen. Gewiß, ich brachte den beſten Willen mit, wollte bewundern, anbeten wenn irgend möglich. Aber ach, es war unmöglich. Wo ich künſtleriſch⸗natürlichen Vor trag, klar, ſinnig, verſtändig, wo ich vor Allem meiſterhafte Be handlung des Verſes in rhythmiſcher und dennoch freier Bewegung, als Erbſchaft aus Goethiſcher Zeit, erwarten zu dürfen glaubte, llang mir eine pathetiſche, hohle und, was das Schlimmſte war, kalte Declamation entgegen, die nicht einmal durch ruckweiſe da zwiſchen auflodernde feurige Leidenſchaftlichkeit, wie etwa bei fran zöſiſchen Tragöden, belebt wurde. Mir erſchien Alles äußerlich, keine Spur von innerer Seele. Ich ſaß erſtarrt. Gern hätt' ich meinen Nachbarn, deren einer Eckermann, leiſe Bekenntniſſe miß muthiger Enttäuſchung abgelegt, doch an dieſe Erleichterung durfte ich nicht denken, denn„der Herr“ überwachte aus ſeiner kleinen Seiten-, nicht aus der mittleren Hofloge, jede Miene, jede Be wegung des Fremden. Und dieſer zeigte ſich feig genug,„Bravo!“ zu rufen und in die Hände zu klatſchen, wenn die ſchottiſche
Königin daraufhin loslegte.(Fortſetzung folgt.)
Der Dichter und der Maler des deutſchen Philiſters.
Vor beinahe hundert Jahren ſaß die gewöhnliche Abenoge ſellſchaft der„Honoratioren“ des weſtphäliſchen Städtchens Bochum trübſelig um die trüben Kerzen gruppirt in ſichtlicher Verſtim mung; Der ſchneuzte unaufhörlich die Lichter, Jener purrte in der irdenen Pfeife, ein Dritter blies Ringe, ein Vierter ſtand vor dem winzigen rauchbeſchlagenen Spiegel und drehte an ſeiner Friſur, juſt als ob's ihm zu Herzen ging, daß ihm der Zopf ſo hinten hing. Wo bleibt der Doctor? hatte Jeder ſchon mehrmals ge⸗ fragt, bis zuletzt der Wirth mit der Nachricht kam, ein Berg tnappe, vom ſchlagenden Wetter gefährlich erkrankt, nehme des Arztes Hülfe noch zu ſpäter Stunde in Anſpruch. Wenn der Doctor fehlte, dann ſtockte die ganze Converſation. Er war der Hecht im Karpfenteich, als ſolchen hatte ihn jedes Mitglied der Geſellſchaft längſt kennen und fürchten gelernt. Wie perſiflirte er die Gäſte, wie unbarmherzig nahm er heute Dieſen und morgen Jenen zum Stichblatt, und wen ließ er überhaupt ungeſchoren? Das wußten Alle und dennoch konnten ſie die Zeit ſeiner An kunft nicht erwarten.
Die neunte Stunde war nahe, da hörte man den Wirth auf dem Flur ſagen:„Gott ſei Dauk, daß Sie kommen!“ Und er kam; die breiten, dicknaſigen, runden Geſichter des Stübchens ſchau⸗ ten alle nach der Thür, als jetzt ein Mann mit ſeinem, ſſßitzen Profil und blitzenden Augen über die Schwelle trat. Nun war Alles gut. Zwar erkaltete zu Hauſe das Abendeſſen, zwar er wartete die„Schwärmer“, wenn ſie nicht prompt neun Uhr am Familientiſch ſaßen, eine Gardinenpredigt aber heute ging es nicht anders, denn wer konnte Neues nach Hauſe bringen, ohne den Doctor geſprochen zu haben!
Und der Doctor hatte Neues und diesmal ganz beſonders Intereſſantes. Er zog ein kleines Zeitungsblatt hervor und ver las einen Aufſatz über Lavater’s Phyſiognomik, erklärte dann auch ausführlich die neue Erfindung des berühmten Gelehrten,„die Kunſt, aus den Zügen des Antlitzes den Charakter des Menſchen zu erkennen“, undggls er mit ſchelmiſchem Blicke die Geſichter,
welche ſehr wenig boten, was man Phyſiognomie hätte nennen⸗ können, muſterte, kam er zu dem Schluß:„Wir, wie wir hier ſitzen, könnten dem Lavater einen intereſſanten Stoff bieten und zugleich die Probe machen, ob er etwas verſteht. Laſſen wir dem Manne alle unſere Silhouetten ſchicken, er mag danach unſere Charaktere beurtheilen. Ich will ihm dazu ſchreiben, er wohnt in Zürich, in vier Wochen können wir Antwort haben.“
Daß die bloße Linie des Prefils, wie ſie eine Silhouette bot, für den Beurtheiler der Geſichtszüge ſchwerlich ausreichen würde, dieſen naheliegenden Zweifel äußerte Niemand, Jeder war von der Wichtigkeit ſeiner Perſon ſo überzeugt, daß er annahm, der Züricher Gelehrte werde nach dem Schattenriß unzweifelhaft ſchon den ganzen Geiſt des Antlitzes erkennen. Und hatten ſie denn nicht Recht gehabt, ſo zu denken? Erſchien nicht nach Monatsfriſt der Doctor jubelnd in ihrem Kreiſe mit der Antwort? Lavater hatte ein Meiſterſtück gemacht! Der mehrere Bogen dicke Brief enthielt die ausführliche Schilderung des Charakters eines jeden Einzelnen, bis auf die Knochen waren der Paſtor wie der Apotheker, der Berggeſchworene wie der Materialhändler ſecirt und mit grau ſamer Treue geſchildert. Von der Erlaubniß des Doctors, nach Jeder ſeine Charakteriſtik mitnehmen könne für ſeine Frau, hat nicht ein Einziger Gebrauch gemacht.
Der Doctor hieß C. A. Kortum, und wenn wir nun noch hinzufügen, daß es derſelbe iſt, deſſen Heldengedicht
„Leben, Meinungen und
Von Hieronymus Jobs jenes unübertroffene Meiſterſtüch heute ganz Deutſchland kennt, ſo iſt es wohl überflüſſig zu bemerken, daß Lavater von dem ganzen Streich nie etwas erfuhr und daß Kortum deſſen Namen nur benutzte, um an einer Gruppe von Philiſter⸗Originalen ſeinen ſprudelnden Witz zu erproben und Studien für ſein Epos zu machen.
Von ſeinem engen, kleinſtädtiſchen Geſichtspunkte aus war der Mann im Stande, die Menſchen ſo treffend darzuſtellen, daß man
wo
Thaten
, dem Candidaten,“
des Knittelverſes,


