Ein deutſch-böhmiſcher Miniſter Oeſterreichs.
Vier bürgerliche Männer und nur drei Herren vom Adel in
einer Großmachts⸗Miniſterium! In welchem Lande iſt ſo Außer⸗ ordentliches möglich geworden? Im Lande Metternichs!— Kein Wunder, daß die Namen der vier Bürger Miniſter Giskra, Breſtel, Berger und Herbſt nicht blos in Oeſterreich, ſondern in ganz Deutſchland von Mund zu Mund gehen; iſt doch jeder Einzelne derſelben ein würdiger Gegenſtand theilnehmendſter Beachtung und zwar nicht blos wegen der Thatſache, daß er in Oeſterreich Miniſter geworden, ſondern auch wegen des Weges, auf welchem er dahin gelangt iſt. Heute ſei Herbſt, der Juſtizminiſter, im Doppelbild der Illuſtration und des Wortes unſeren Leſern vorgeſtellt.
Als im Jahre 1861 der böhmiſche Landtag der bisherigen ſtändiſchen Vertretung folgte, that ſich gleich in den erſten Sitzungen ein Mann hervor, der mit ſeltener Schlagfertigkeit, Schärfe und Entſchiedenheit gegen die Regierungspartei auftrat. Es war dieſer Mann der Profeſſor des Strafrechts an der Prager Univerſität, Eduard Herbſt.
Es war ein neuer Name, bisher nur den Juriſten bekannt. Die Bewegung des Jahres 1848 hatte ihn nicht in den Vorder⸗ grund gebracht. Er hatte ſich damals als Profeſſor in Lemberg
befunden, welches beinahe die einzige Stadt im Kaiſerſtaat war,
welche für ihn ſo gut wie ruhig geblieben, weil dort nur Kämpfe
zwiſchen Polen und Ruthenen ſtattfanden. Er mußte ſich darauf beſchränken, den dort lebenden Deutſchen ein Intereſſe an der freiheit⸗ lichen Strömung einzuflößen, und er hat dies durch die Gründung einer Zeitung gethan, die er durch längere Zeit redigirte.
Als Oeſterreich nach einer langen und ſchweren Reactions⸗ epoche wieder aufthaute und das Volk ſich nach Vertretern umſah, war es einigermaßen in Verlegenheit. Die Namen von 1848 waren mit einem Banne belegt. Der traurige Ausgang der Revolution war von den Regierungsfreundlichen trefflich benutzt worden. Ein Theil der ehemaligen Größen war ausgewandert oder lebte im Lande ſelbſt als gleichſam verbannt. Ein anderer Theil, und beinahe der größere, war durch fette Staatsanſtellungen gewonnen worden und hatte über ſeine eigene Vergangenheit wie über eine Zeit jugendlicher Thorheit lächeln und ſpotten gelernt. Von den früheren Parteimännern ſah man mit wenig Ausnahmen völlig ab. Es galt neue Kräfte zu finden, was in einem Lande, in welchem zehn Jahre lang alles öffentliche Leben geruht hatte, keine kleine Aufgabe war. Die Comité's, welche zu dieſem Zwecke gebildet waren, hatten manchen Mißgriff auf dem Gewiſſen. Und doch wollte es ein gutes Geſchick, daß das Vertrauen der Bevölkerung auf mehrere Männer fiel, welche das ſeit 18 18 unter⸗ brochene Werk im freiſinnigen Geiſte fortſetzten.
Herbſt hatte bald durch Clubbildung eine gewiſſe Feſtigkeit in die Partei gebracht und ſo einiges Vorgehen ermöglicht. Er wurde, der Deutſchböhme aus Warnsdorf, nun mit Brinz, deſſen Scheiden aus Oeſterreich Miniſter Beleredi veranlaßte, der Führer der Deutſchen in Böhmen.
In den Kämpfen, welche die unſern Leſern ja hinlänglich bekannte Czechenpartei anregte, deren Streben deutlich dahin geht, innerhalb Deutſchlands ein zweites Kleinrußland zu gründen und die Unterjochung der Deutſchböhmen weit über das errungene Sprachzwangsgeſetz hinaus zu betreiben, in dieſen Kämpfen war es namentlich Herbſt, der für die Intereſſen der Deutſchen in Böhmen einſtand. Die Sitzungen im Hauſe auf dem Fünfkirchen⸗ platz der Kleinſeite Prags nahmen bei ſolchen Gelegenheiten einen tumultuöſen Charakter an. Mit jeder Rede wuchs die leidenſchaft⸗ liche Erregung in beiden Lagern. Den ganzen Platz füllten dichte Volksmaſſen, welche das Reſultat der Sitzungen ſpannungsvoll abwarteten. Die Galerien waren überfüllt und unterbrachen die Redner nicht ſelten mit wilden Rufen. Von Morgens neun bis Abends zehn dauerte der Kampf. Nach einer ſolchen Sitzung, in welcher Palacky eine Stunde, Herbſt zwei Stunden lang geſprochen, wurde mit Hülfe der deutſchfreundlichen Fraction der Großgrund⸗ beſitzer der den Deutſchen ungünſtige ezechiſche Antrag auf Aenderung der Wahlordnung abgelehnt. Von dieſer Sitzung angefangen war der Einfluß Herbſt's in der deutſchen Partei ſowohl, als in der des ſogenannten verfaſſungstreuen Adels der vorherrſchende.
Nicht weniger hervorragend war die Thätigkeit, welche Eduard
Herbſt im Reichsrath zu Wien entwickelte. Bald gab es keine wichtige Angelegenheit, in welcher er nicht ein entſcheidendes Wort mitgeſprochen hätte. Scherzhaft nannte man ihn den Reichsraths⸗ omnibus, weil er in allen Fragen Beſcheid wußte. Ein Gegner des Schmerling'ſchen Scheinconſtitutionalismus, war er Führer der Linken und mußte ſich nur zu oft mit moraliſchen Siegen und der großen Wirkung ſeiner Reden begnügen, da die Regierung und ihre damals noch zahlreiche Partei das Haus beherrſchten. Erſt heute wird das Abgeordnetenhaus auf die Principien zurück⸗ kommen, welche Herbſt damals entwickelte.
Herbſt, der Profeſſor des öſterreichiſchen Strafrechts, war allmählich die hervorragendſte Capacität in Finanzſachen geworden. Er wurde Berichterſtatter der Bankacte, beanſpruchte die größte Unabhängigkeit der Bank vom Staate und errang im Hauſe den Sieg, denn die von ihm vertretene Faſſung der Bankacte ging durch, allerdings um nur wenige Jahre gehalten und durch die Finanzoperationen von 1866 gebrochen zu werden, welche dann die Ueberfluthung mit Staatsnoten hereinführten. Thatſächlich wurde Herbſt der erſte Finanzmann des öſterreichiſthen Reichsrathes, und es iſt bezeichnend, daß der öſterreichiſche wie der ungariſche Finanzminiſter in wichtigen Fragen nicht bei den Wiener Geld⸗ großmächten, ſondern bei Herbſt Vorfrage hielten.
Seine Thätigkeit in Finanzſachen brachte ihn in die Staats⸗ ſchuldencontrolcommiſſion— bei der finanziellen Lage Oeſterreichs die ſchwerſte und undankbarſte Thätigkeit! Er behielt dieſe Stelle auch nach der bekannten„Siſtirung der Verfaſſung“ unter Belcredi, zog ſich jedoch nicht wie andere ſeiner Collegen zurück, weil er in der Rettung einer auch nur theilweiſen Controle ſchon einen Vor⸗ theil für das Land ſah.
In den Landtagsberathungen, welche das Miniſterium Bel⸗ credi nach Königgrätz aufrief, war die des böhmiſchen Landtags von größter Bedeutung. Hier traten die Freunde des Miniſteriums, der feudale Adel und die Czechen für Belcredi in die Schrayken, hier hielt aber auch Herbſt die Anklagerede gegen das Miniſterium, die deſſen Stellung erſchütterte. Abermals gab es eine Abend⸗ ſitzung von wild⸗-dramatiſchem Charakter. Herbſt'’s Rede wurde in Tauſenden von Exemplaren verbreitet, die Städte Deutſch⸗ böhmens wetteiferten durch Votirung von Adreſſen und Ernennung zum Ehrenbürger den verdienten Führer auszuzeichnen. Eine Reiſe durch Nordböhmen, die er damals unternahm, glich einem Triumphzuge.
Seitdem iſt man von den Principien des Siſtirungs⸗ miniſteriums zurückgekommen, der Reichsrath hat ſeine gebührende Stellung im öſterreichiſchen Staatsleben wieder erhalten. Die erſte Adreſſe deſſelben hat Herbſt zum Verfaſſer. In der Concordats⸗ frage ſuchte er den gordiſchen Knoten, den Rom geflochten, nicht ſowohl zu zerhauen, als zu löſen, indem er beantragte, Geſetze unbekümmert um das Concordat zu votiren und die Regierung zu deren Sanctionirung zu zwingen. Die Entſchiedenheit, mit der dieſer Standpunkt feſtgehalten werde, drängte die Regierung auf die Bahn, welche die kaiſerliche Beantwortung der Adreſſe der Biſchöfe kennzeichnet.
In die Deputation gewählt, welche die Grundlagen des ſinanziellen Ausgleichs mit. Ungarn berieth, wurde Herbſt in hervorragendſter Weiſe thätig, eine bei ſeiner Kenntniß aller Daten gleich geſuchte Perſönlichkeit; auch die Mitglieder der ungariſchen Deputation traten ſeinen Anträgen bei.
Es iſt begreiflich, daß bei ſolchen Erfolgen es nicht an Ver⸗ ſuchen fehlte, Herbſt zur Uebernahme eines Miniſterportefeuilles zu bewegen. Freiherr von Beuſt kam wiederholt darauf zurück, aber Herbſt blieb lange hartnäckig in der Ablehnung. Der Grund davon lag nicht ſowohl in ſeiner allzu genauen Kenntniß der öſterreichiſchen Finanzlage, die fortwährend von einer Kriſis be⸗ droht iſt, als in ſeinem Mißtrauen, daß der vom Reichsrath ent⸗ worfenen liberalen Verfaſſung zwar nicht die Sanctionirung, doch aber die energiſche Durchführung fehlen werde.
Unterdeß wurde der Ausgleich mit Ungarn in legislativem Wege vollendet, die ihn beſiegelnden Geſetze waren im Reichsrathe angenommen worden. Fürſt Karl Auersperg wurde mit der Bildung eines Miniſteriums beauftragt. Der Ruf:„Rechtsgleichheit mit Ungarn!“ war Schlagwort der Parteien geworden. Die neue


