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Mal derb auslachte. Nur ein Einziger lachte nicht mit, der lauſchte erfreut der gewaltigen, klangvollen, aber noch mehr als rohen Stimme. Das war der alte Schneider an ſeinem Pulte.
war denn der Nachtwächter heute?“
„Das war ja Niemann!“ antwortete dieſer lächelnd.
„Das war Niemann?“ brummte der Capellmeiſter wieder. „Das iſt ein Teufelskerl—— ſoll morgen früh vor der Probe in den Probirſaal kommen— will ſeine Stimme näher unterſuchen.“
Am andern Morgen ſtand Niemann zitternd und mit bleichen
Mienen vor dem gefürchteten Capellmeiſter am Clavier, der ihn mit den Worten:„Tonleiter ſingen!“ anherrſchte und dabei auf
dem Flügel Ton für Ton ganz ſo langſam anſchlug, wie Niemann vie Scala ſingen mußte. Und wie nun einer dieſer Töne immer kräftiger und reiner als der andere mit einer Macht aus der Bruſt hervorquoll, wie es ſelbſt der alte Capellmeiſter noch nie gehört, und ſelbſt das hohe f und dann das g und zuletzt gar das hohe a, ohne zu fiſtuliren, voll und klar mit der Bruſtſtimme gegeben wurde, da erheiterten ſich Züge, als ob ihm der lieblichſte Ton aus ſeinem„Weltgericht“ erklungen wäre, und er trat an den jungen Sänger heran und brummte:„Sie müſſen ſingen lernen, auf der Stelle ſingen lernen. Nuſch ſoll Ihnen unter meiner ſpeciellen Aufſicht und Leitung Unterricht geben.“ Mit dieſen Worten öffnete er die Thür, rief ſeinen Lieblingsbaritoniſten, den bewährten Geſangslehrer Nuſch, herein und übergab ihm den neuen Schüler.„Kann noch was d'raus werden,“ meinte Schneider,„aber Fleiß verlang' ich— viel Fleiß!“
Und an Fleiß ließ es Niemann nicht fehlen. Seine muſika⸗ liſchen Studien beſchäftigten ihn Tag und Nacht. Dem Hugenotten⸗ Nachtwächter folgte der Propheten⸗Bote als nächſte Sproſſe auf der Himmelsleiter; die ihn endlich, aber erſt nach einer Reihe von Jahren und nach vielen Prüfungen, aus der armſeligen Obſcurität der kleinſten Bühnen, erſt von Halle nach Berlin und zuletzt nach Haunover führte, zu den höchſten Ehren, die jemals ein deutſcher Tenoriſt im Inlande wie im Auslande geerntet hat. Schon im Jahre 1859 warb er mit ſeiner Gattin(die vormalige Marie Seebach) um die höchſten Kränze des Ruhmes. Glänzende Gaſt⸗ ſpiele machten bald ſeinen Ruf bekannt, aber immer noch ſtrebte er unermüdlich. Freilich war an die Stelle des verewigten Friedrich
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Sofort nach der Vorſtellung begab er ſich zum Direetor und frug:„Wer
zen mit unendlicher
ſelbſt des alten Schneider's
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Schneider ſpäter ein anderer Mentor in der Perſon des berühm⸗
ten Geſanglehrers Duprez in Paris getreten. Doch ehe noch zehn Jahre ſeit jenem grauen Novembertage zu Deſſau ver⸗ ſtrichen— was war da aus Niemann geworden und was iſt er jetzt?!=
Treten wir in eine Loge des Berliner Opernhauſes. Es iſt. beſetzt bis zum letzten Platze, und mancher davon iſt wohl drei⸗ und vierfach bezahlt, denn Niemann ſingt heute den„Tannhäuſer“. Wuchtige Tonwellen voll verborgener Zauberkraft, groß, wild leidenſchaftlich wie das Weltmeer in ſeiner Erhabenheit, rauſchen uns entgegen; die ganze Macht der Muſik reißt wie ein brauſen⸗ der Strom uns in ihre unendlichen Strudel; das Feenreich in der von Perlen und Korallen und magiſch glitzerndem Geſtein
ſchimmernden Grotte durchtobt ein ſchwüler, chatiſcher Kampf ſinn⸗
verwirrend, herzumſtrickend, wie die ſchweren, wuchtigen Diſſonan⸗ Gewalt nach harmoniſcher Auflöſung ringend, — und mitten durch dieſes Toben, durch der Tonfluth chaotiſche Wildniß tönt eine Stimme, eine Stimme, ſage ich? Nein, es iſt mehr als Stimme, es iſt eine Tongewalt, die keinen Wider⸗ ſtand und leine Grenzen kennt und ſich Luft macht in den Worten: „Mein Heil ruht in Maria!“=— Da ſteht er, der Sänger, dem dieſe Töne mit bezwingender Macht von den Lippen floſſen,— da ſteht er, den mächtigen männlich ſchönen Körper hoch empor⸗ gerichtet, Blicke und Hände voll Begeiſterung gen Himmel er⸗ hoben;— da ſteht er, aus deſſen wogender Bruſt, noch von den Lüſten der Leidenſchaften geſchwellt, der Hülfeſchrei ſich losrang, vor dem das Reich der Sinnlichkeit praſſelnd zuſammenſank: es
iſt Niemann, der größte Tenoriſt unſerer Tage, dem das entzückte
Publicum begeiſtert zujauchzt; deſſen Kommen und Gehen an jeder deutſchen Bühne einem Triumphzuge gleicht und dem ſchon un⸗ zählige Male für ſeinen Tannhäuſer, Lohengrin, Rienzi, Cortez, Maſaniello der Lorbeer auf das Haupt gedrückt worden iſt— auch in Deſſau, wo er nach bereits erlangtem Ruhme drei Mal in einer Woche den„Tannhäuſer“ unter dem begeiſterungsvollſten Jubel auch ſeiner einſtmaligen„Freunde“ geſungen hat. Gewiß, eine herrliche Genugthuung, der aber zu voller Beglückung des Künſtlers nur etwas fehlte: der ſeelenvolle Zauberblick Friedrich Schneider's, wenn er zufrieden und beſeligt war. Der alte Meiſter war ſchon heimgegangen und hatte den Ruhm ſeines einſtmaligen Schülers nicht erlebt.
Blätter und Blüthen.
Ein zweites Lugau!— Eben bei der Schließung dieſer— im Druck außerdem noch verſpäteten— Nummer geht uns die erſchütternde Kunde von dem gräßlichen Unglück auf der Kohlenzeche Neu⸗Iſerlohn im
Münſterlande zu. Nach den erſten Nachrichten iſt der Jammer von Lugau hier nahe erreicht, da aller Wahrſcheinlichkeit nach die Zahl der Todten die Achtzig weit überſchreiten wird. Wir haben deshalb, um eine mögliche Hülfe raſ beſtimmten Gabenreſt ſofort für die Unglücklichen von Neu⸗ Iſerlohn an Herrn Crüvell in Dortmund geſchickt, überzeugt, daß die Geber ſelbſt dieſer Ver⸗ wendung ihrer Liebesopfer um ſo mehr beiſtimmen, als für die Wittwen und Waiſen in Lugau bei einer Einnahme von eirca hundertundzwanzig tauſend Thaler nunmehr gewiß ausgiebig geſorgt iſt.
Kleiner Briefkaſten.
Herrn S. in Ch. Europas natürliche Heizung(Nr. 46, 1867). Wenn die Erde gänzlich von Waſſer bedeckt wäre, ſo würde fortwährend um dieſelbe cin Strom von Oſt nach Weſt fließen, hauptſächlich um den Aequator. Der Grund iſt ein vierfacher: 1. Der raſche Umſchwung der Erde von Oſt nach Weſt(am Aequator
225 Meilen in der Stunde betragend) kann von den flüſſigen Theilen nicht
ſo ſchnell mitgemacht werden: nach dem Geſetz der Trägheit und vermöge der Verſchiebbarkeit ihrer feinſten Tropfen ſtemmen ſie ſich dem Umſchwung der
(Auch dies entſpricht ganz der Eutſtehung des Oſtpaſſats.)— 3.
ch zu bieten, einen urſprünglich noch für die Lugauer
1 3 Hauptthatſachen der Meeresſtürme. Auf ſeine Anfrage betreffs des Aufſatzes über
Snf af n r Opferſtock für
. Unaufgefordert und noch ehe wir den Aufruf der heutigen Nummer Prof. C. Bock 10 Thlr.; aus Buchholz 1 Thlr.; Cramer in Jeßnitz 1 Thlr.;
feſten Theile entgegen, ſo daß ſie ſich ſcheinbar von Oſt nach Weſt bewegen. (Wie der Paſſatwind.)— 2. In noch höherem Maße gilt dies von den aus den Polargegenden zuſtrömenden kalten Meeresſtrömungen, welche fortwährend die am Aequator reichlich verdunſtenden Waſſermaſſen ebene Die in der Aequatorgegend vorherrſchenden oſtweſtlichen Winde(Paſſate) treiben einen Theil der Fluthen(der oberflächlichen) gleichfalls nach Weſten hin.—
4. Daſſelbe thut die Anziehungskraft des Mondes und der Sonne, welche
alltäglich eine große Doppelwelle(die ſogenannte Fluth) um die ganze Erde herumtreibt und dadurch auch eine große Waſſermaſſe in der Richtung
von Oſt nach Weſt fortbewegt.— Drei große Barren ſtemmen ſich dieſer oſtweſtlich fließenden Waſſermaſſe des Oceans entgegen: dies ſind die drei Feſtländer von Amerika, Aſien und Afrika. Daraus erklären ſich die Prof. Dr. H. E. Richter.
K. L. in W. Geduld— Geduld, wir können die verſprochenen Bei⸗ träge immer nur nach und nach veröffentlichen. Die nächſten Nummern bringen alſo: Aus meinem Leben, von Karl von Holtei.— Aus dem Schwarzwald, von Ludwig Steub.— Im Hauſe Robert Stephenſon’s, von M. M. von Weber.—⸗Eine Audienz beim König von Italien.— Meine Flucht von Caprera, geſchildert von Garibaldi ſelbſt.— Der Dichter und der Maler des deutſchen Philiſters.— Heinrich der Fünfte und ſein Hof ꝛc. ꝛc.
veröffentlichen konnten, gingen uns zu: C. Freund in Buchholz 5 Thir.; W. G. in St. Petersburg 25 Thlr.; Geſangverein Typographia in Leipzig,
durch Herrn Factor Schuwardt 6 Thlr.; von einigen Gymnaſiaſten in Worms 6 Thlr. 25 ½ Sgr.; Eduard Ler in Prag 14 Thlr.; Kegelei der
Zippelmützenritter in Leipzig 5 Thlr.; ein Ungenannter aus Bamberg mit den Worten:
„Gedenket des Hungers und der Kälte in Oſtpreußen, gedenket
der Noth und des Mangels im fleißigen Erzgebirge, gedenket, wenn Ihr Euch zum erwärmenden Mittagsmahle niederſetzet, Eurer hungernden Brüder
und ihres Elendes, und helfet ihnen mit ſo viel oder ſ zukömmt; Carl Wuttky in Jeßnitz 1
1 der ſo wenig als Ihr könnt,“ 100 Gulden, wovon die Hälfte dem Erzgebirge(für Johann⸗Georgenſtadt) Thlr.; Redaction der Gartenlaube 100 Thlr.
Redaction der Gartenlaube.
Inhalt: Eine Mahnung, keine Bitte!— Der Schatz des Kurfürſten. 1 Wort und Bild von Ludwig Beckmann. t Mit Abbildungen.— Ein deutſch⸗böhmiſcher Miniſter Oeſterreichs. Von Alfred Meißner. Mit Portrait. 4 Vom Statiſten
Skizzen aus dem Land⸗ und Jägerleben. geldfabrik der Welt.
Hiſtoriſche Erzählung von Levin Schücking. 2. Das Deputatſtück.
(Fortſetzung.)— Mit Illuſtration.— Die größte Papier⸗
zum Sängerkönig.— Blätter und Blüthen: Ein zweites Lugau!— Kleiner Briefkaſten.— Opferſtock für Oſtpreußen.
Verantwortlicher Redacteur Ernſt Keil in Leipzig.— Verlag von Exuſt Keil in Liipzig.— Druck von Alexander Wiede in Leipzig.


