Im Süden geht, wie in den Komödien Calderon's, Molière's und Goldoni's, ſo ziemlich jede Art von Beſorgung durch Diener⸗ hände. Auch Gaetano's Briefe hatten dieſen Weg genommen, aber Sabino wußte von Gacetano ſelbſt, daß er nur auf eine Antwort ſeiner Frau warte, um ſofort nach Rom aufzubrechen, und da ſich der vermeinte Jugendbekannte der Gattin des Wachshändlers gar ungern von Capri getrennt hätte, ſo hielt er's für zweckmäßig, jene Briefe gar nicht zu befördern. Auf dieſe Weiſe und während die Geneſung des Leidenden langſam vorrückte, ging der März, ging der halbe April dahin. Endlich vermochte Gaetano die Ungewiß⸗ heit nicht länger zu ertragen. Er borgte ſich einen Fiſcheranzug und ließ ſich nach Neapel hinüberfahren.
Dort hatte inzwiſchen ein Miniſterwechſel den audern gedrängt. Heute leitete der Prinz Strongoli die Staatscaxoſſe, morgen kamen ihre Zügel in die Hände Guglielmo Pepe's, der vor wenigen Tagen erſt aus der Verbannung heimgekehrt war. Man hatte die mißliche Grundlage der octroyirten Verfaſſung bereits erkannt, verlangte eine conſtituirende Verſammlung und Anſchluß an den Krieg gegen Oeſterreich. Dazwiſchen gab es Zuſammenrottungen bald in dieſem, bald in jenem Sinne. Alles ſtand in der Schwebe.
Gaetano war kaum bei Sta. Lucia an's Land geſtiegen, als er auch ſchon erkannt wurde. Mit Mühe entkam er, aber noch zweimal wiederholte ſich das Nämliche, und als er endlich die Wohnung erreichte, wo er Beata zurückgelaſſen hatte und jetzt ver⸗ gebens erfragte, gerieth er in die Hände eines ganzen Haufens raufluſtiger Strolche. Das Inswaſſerwerfen iſt in ſolchen Fällen eine in Neapel volksthümliche Beluſtigung.„Ein apartes Fiſcher⸗ chen!“ hieß es,„ſeht nur die feinen Hände und den weißen Hals! Er wird unſern Beiſtand brauchen. Zeigen wir ihm den kürze⸗ ſten Weg zu den Fiſchen!“ Und man warf Gactano kurzweg in die See.
Zum Glück konnte er ſchwimmen. Er entkam mit dem Leben. Aber ſein Zuſtand hatte ſich arg verſchlimmert. Als er Abends in dem Boot eines mitleidigen Schiffers Capri wieder erreichte, war er körperlich wie geiſtig nahezu aufgerieben. Vor Allem frei⸗ lich geiſtig. Denn zwiſchen den harmloſeren Behelligungen, welche ſeinem Sturze in's Meer voraufgegangen waren, hatte Gaetano noch Muße gefunden, dies und das in Neapel zu erkunden, und ſo war es ihm zur Gewißheit geworden, daß Beata ſchon ſeit Wochen mit dem jungen Prinzen di L. aus Neapel verſchwunden war. Sabino ließ errathen, dergleichen habe er bei dem lebens⸗ luſtigen Charakter ſeines Herrn längſt gefürchtet, und er gab noch manch' andern Wink, der ſchon auf vorausgegangene Verabredungen hindeutete.„Und da ſolltet Ihr froh ſein,“ meinte Donna Agata, „wenigſtens zu wiſſen, wie Ihr daran ſeid. Laßt Euch rathen und vergeßt Euer Unglück lieber heut' als morgen.“ Biondina weinte vor herzlichem Mitleid. Gaetano ſelbſt war nahe daran, den Ver⸗ ſtand zu verlieren. Erſt ein heftiges Fieber gab ſeinem Zuſtande eine glücklichere Wendung. Es beſchäftigte ſeinen Geiſt mit Phan⸗ tomen und half ihm ſo über die ſchlimme Wirklichkeit hinweg.
Als er dann aber endlich— eine Woche hatte er zwiſchen Leben und Sterben geſchwebt— aus ſeinen Phantaſieen von Neuem zum Bewußtſein erwachte, hatte das Schickſal für den Verzweifeln⸗ den einen noch holder lindernden Balſam in Bereitſchaft, und faſt ſchien es, als ſolle er nicht nur dem Leben, nein, auch den ſonnig⸗ ſten Seiten deſſelben wieder geſchenkt werden. Denn ſeine ſchmucke Pflegerin Biondina hatte, während ſie über ihn wachte, ihr un⸗ erfahrenes kleines Herz an ihn verloren. Mit der ganzen Gewalt einer erſten Leidenſchaft unter ſüdlichem Himmel war das Unglück über ſie gekommen, und ſchon in der erſten Viertelſtunde ſeiner wiederkehrenden Klarheit wußte er Alles.„Ich konnte nichts dafür,“ ſagte ſie treuherzig rathlos,„ich habe nimmer geahnt, wie der⸗ gleichen ſo auf einmal Kopf und Glieder benehmen kann. Man hat noch eben die gleichgültigſten Gedanken, und plötzlich ſitzt man wie mitten im Fegefeuer.“
Die Beſtürzung Gaetanv's war groß. Er ſuchte zu beſchwichtigen, aber ſein Herz pochte ſo unruhig, daß er ſelber kaum wußte, was er ſagte. Dazu ihre kindliche Hülfloſigkeit, ihr Rothwerden in⸗ mitten einer unausſprechlichen Wonneſeligkeit und wieder ihr ehr⸗ liches Betheuern, ſie habe ſich ſelber nicht wenig erſchreckt, aber ſie wolle auch gewiß zuverläſſiger ſein, als die böſe Donna Beata, und ob es ihm denn auf dem lieben, friedlichen Capri nicht weit beſſer gefallen würde, als drüben in dem lärmenden, treuloſen Neapel?
Es war im ſchönen Monat Mai. Die Myrthen blühten, die Orangenkelche dufteten, die Vögel ſangen, durch's offene Fenſter ſtrich die Seeluft erquickend herein und die Sonnenſtrahlen ſchie⸗ nen nicht müde zu werden mit dem krausgoldnen Lockengeringel des ſchönen Kindes ihr Spiel zu treiben. Gaetano lag wie in dem Doppelbann des zum Leben und zum Lieben Wiedererwecktſeins. Träumte er noch? War wirklich die Nacht der Schmerzen hinter ihm verſunken? Durfte er noch einmal verträauen? Er wußte ſelber nicht deutlich, was er that, aber er öffnete ſeine Arme, und der Bund war geſchloſſen.
Die Reue folgte. Gegen die Mitte des Mai⸗Monats zog ſich über Neapel wieder ein politiſches Gewitter zuſammen. In dem Municipalitäts⸗Gebäude des Monte⸗Oliveto hatten ſich die Deputirten zu vorbereitenden Sitzungen eingefunden. Sie beriethen die Eidesformel und unterhandelten mit dem Miniſterium darüber ſo endlos lange, bis der Meinungszwieſpalt aus der Verſammlung auf die Straße drang und der Toledo ſich mit Barricaden füllte. Am 15. Mai Vormittags zwiſchen zehn und elf Uhr fiel ein Schuß in der Nähe des Café di Peluſo. Er traf, und der Krieg zwiſchen dem bewaffneten Volk und den Schweizer Truppen war dadurch eröffnet. Das Caſtell St. Elmo zog ſeine rothe Fahne auf und verkündete, wie am 27. Januar, durch drei Kanonen⸗ ſchüſſe den Belagerungszuſtand. Caſtel Nuovo begann mit Kugeln und Kartätſchen aufzuſpielen. Und von da an taumelte die Kriegs⸗ furie mordend, raubend, brandſtiftend zwölf lange Stunden durch die angſterfüllten Straßen der paradieſiſchen Stadt.
Der Kanonendonner hatte Gaetand aus ſeinem Frühlingstraum aufgeſcheucht. Er ſchiffte ſich in Haſt nach Neapel ein und ſuchte, dort angekommen, ſeinen Platz auf den Barricaden. Als eine nach der andern den Schweizern und deren Verbündeten, den Lazzaroni, preisgegeben werden mußte, ſchloß er ſich den Ver⸗ theidigern der Taverna penta an. Er hatte unter der freiwilligen Beſatzung des arg bedrängten Hauſes Bekannte zu erkennen geglaubt, und jetzt gewahrte er, daß der Prinz di L. ſelber hier den Ober⸗ befehl führte. Die Augen der beiden Männer trafen ſich, aber ſchon in der nämlichen Secunde trennte ſie eine Wolke von Pulver⸗ dampf und die nächſte Viertelſtunde gehörte dem Kampfe mit den Feinden draußen.
Dann, als der Sturm glücklich abgeſchlagen worden war und für eine kurze Weile die Kriegsarbeit feierte, zog der Prinz den Gatten Beata's in einen Seitengang und ſtellte ſein Leben zur Verfügung Gaetano's.„Ich habe Ihr Vertrauen ſchlecht ge⸗ lohnt,“ ſagte er,„fällen Sie mein Urtheil, Signore.“
„Und wo iſt ſie?“ fragte Gaetano, vor Erregung kaum der Sprache mächtig.
„Auf dem Wege nach Capri.“
„Auf dem Wege zu mir?“ Er hob ſeine Doppelbüchſe. „Wollen Sie mich auch noch verhöhnen?“
„Die Treue Ihres Weibes,“ ſagte der Prinz und wagte Gaetanv's Blick nicht zu begegnen,„hat jeder Verſuchung wider⸗ ſtanden. Wollen Sie mir noch die Muße gönnen, meine Schuld hier im Kampfe gegen die Feinde unſeres Vaterlandes zu ſühnen? Wo nicht, ſo thun Sie, was Ihre beleidigte Ehre Ihnen eingiebt. Meine Blouſe iſt leicht zu durchbohren. Hier ſtehe ich.“
Gaetano ſtürzte fort. Er war wie von Sinnen. Er wußte nicht aus und ein. Am Abend erreichte er Capri, fand Beata in der Pergola neben Biondina ſtehend, bleich und verweint die Eine wie die Andere,— und brach unter der Wucht des unlösbaren Wirrſals zuſammen.
Man hob ihn auf, man trug ihn in's Haus. Vier Augen wachten Wochen lang Tag und Nacht über ſeinem Lager. Aber das Licht ſeines Geiſtes wollte ſeine frühere Klarheit nicht wieder⸗ gewinnen. Und ſo dichtete ſein Irrſinn das Erlebte allmählich zu einer fremden Hiſtorie um, und das kuttenähnliche Kleid, das man ihm auf ſein Begehren anzog, und der Name Fra Areangeli, den er ſich beilegte, halfen die Selbſttäuſchung vervollſtändigen. Er war, ſo erzählte er ſeitdem, der Beichtvater eines Unglücklichen geweſen, welcher zwei Lieben, aber nur ein Leben gehabt hatte; wo, wann, wie? das war ihm entfallen. Unglücklichen ſehr ſtreng in's Gewiſſen geredet, aber ſeitdem war ihm ſeine Härte leid geworden; er hoffte allen Dreien noch helfen zu können. Es galt, meinte er, nur drei Punkte ſo zu verbinden, daß Jedem ſein Recht werde. In der Pergola, wo Gaetano den
Sie haben einzig mit mir, dem Verſucher, abzurechnen.
Damals hatte er den
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