verlebt, im Lande ſeines älteren mütterlichen Oheims Ludwig von Baiern, da ihm auch ſein Großvater, Kaiſer Friedrich der Zweite, deſſen Unglück ebenfalls Italien geweſen, ſchon im Jahre 1250
geſtorben war. Sein Oheim Ludwig hatte ſich mit einer Enkelin g h)
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König Philipp's von Hohenſtaufen und der griechiſchen Irene, mit
Maria, vermählt; ſie glich dieſer ihrer Großmutter an Schönheit des Leibes und an Tugend. Sie liebte zärtlich ihren Gemahl. Er lag am Rhein zu Feld. Die Zeile eines Briefes, die von ſeiner Eiferſucht mißverſtanden wird, verwirrt ihm die Sinne, er wähnt ſeine Gemahlin in einem geheimen Liebesverſtändniß. Er reitet Tag und Nacht vom Rhein bis Donauwörth, ſteht plötzlich im Gemach Mariens, ſie ſpringt vor Freuden ihm entgegen, er aber ſchleudert ſie weg und ſpricht mit dem Ton eines Wahn⸗ ſinnigen:„Du mußt ſterben, Treuloſe!“ Nicht das Betheuern ihrer Unſchuld, nicht das Flehen der Königin Eliſabeth und ihres Konradin's Weinen können ihn bewegen, die Beweiſe der Unſchuld der ſo hart Angeklagten zu hören: er zwingt Maria niederzuknieen, zieht ſein Schwert, und ihr ſchönes Haupt rollt blutig auf den Boden. Nach ihr durchſtößt er ihre Geſellſchaftsdame, ein Fräulein Helika von Brennberg, und die Oberhofmeiſterin ſtürzt er vom Thurme des Schloſſes hinunter. Noch in derſelben Nacht findet er überzeugende Beweiſe von der Unſchuld ſeiner Gemahlin. Unter der Ueberlaſt der Gewiſſensangſt verfärben ſich ſeine braunen Locken; am Morgen finden entſetzt ſeine Diener ihren ſiebenundzwanzigjährigen Herrn ergraut.
Kaum vier Jahre alt war Konradin, als er dieſes Schreck⸗ niß und dieſen Jammer mit anſah. In ſolcher trüben Umgebung verfloß ſeine Kindheit, während in Schwaben, ſeinem Erbherzog⸗ thum, drei Afterkönige nach einander, ſowie die durch Eid und Wohlthaten ſeinem Hauſe verbundenen Vaſallen ſeine Erbgüter zerriſſen und ſich unter einander darob befehdeten.
Als aber auch der letzte der Schattenkönige des ſogenannten Interregnums(1256— 1273),„der kaiſerloſen, der ſchrecklichen Zeit“, wie der Dichter ſie bezeichnet, dahin gegangen war, da be⸗ trachteten viele Städte und Fürſten den deutſchen Thron als er⸗
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ledigt, und die Erwählung Konradin's zum deutſchen König als
unſchwer und nahe. Städte und Herren ließen ſich in dieſer Aus⸗
ſicht ſogar von Herzog Ludwig, als„Reichsverweſer für Konradin“, nicht blos als Vormund des Schwabenherzogs Konradin, Freibriefe ausſtellen gegen Geldzahlungen.
Kam aber auch Konradin auf ſolchen nicht ganz ebenen Wegen von Zeit zu Zeit zu Geldern und durch die Zeitumſtände endlich ſeinem Rechte gemäß ſogar zu den Ueberreſten ſeines väter⸗ lichen Herzogthums, ſo war doch alles das nicht hinreichend, ſeine Finanzlage zu beſſern. Mit dem Titel König von Sieilien, König zu Jeruſalem und Herzog von Schwaben wuchs Konradin länder⸗ los, in Noth und Armuth auf. Dennoch war dem ſiebenjährigen Knaben die Heirath ſeiner Mutter mit dem reichen und mächtigen Grafen Meinhard von Görz und Tirol zuwider, weil es ihn ver⸗ droß, ſeine Mutter, in welcher er die Kaiſerin ſah, als Gemahlin eines Grafen zu ſehen. Gerade diejenigen, welche für ſich ſelbſt von ſeiner Erhebung auf den Kaiſerthron viel hofften, nährten in ihm die Gedanken und Erinnerungen an ſein Kaiſerhaus, an ſeine eigene Zukunft als König von Sieilien und als Kaiſer der Deutſchen.
So zog er elfjährig, da ihn dieſe Vormünder unter ſich haben wollten, mit kleinem Gefolg in ſein väterliches Erbherzog⸗ thum ein. Dieſes ſein Gefolge waren wenige Vaſallen, die herzog⸗ lichen Beamten und einige Räthe ſeines Vaters. Sie ließen ihn als Herzog, ja als zukünftigen König, Fürſtentage und Hoftage da und dort im Herzogthum Schwaben halten, zu Ulm, zu Nott⸗ weil, zu Ravensburg. Sie wollten ihn dem Volke vor Augen führen, dieſen Sproß des großen Kaiſerhauſes, das hundertund⸗ dreißig Jahre die deutſche Krone getragen hatte. Und ſie durften ihn ſehen laſſen: er glich dem Großvater an wunderſamer Schön⸗ heit des Leibes, an Frühreife und Helle des Geiſtes, an herz⸗ gewinnender Freundlichkeit und Anmuth der Sitte. Noch ehe er in das Jünglingsalter trat, ſprach er mehrere Sprachen und war wohlunterrichtet in der Wiſſenſchaft der Zeit und gewandt in ritterlichen Künſten. Schon in der Hand des Knaben erklang das Saitenſpiel; ſüße Minnelieder dichtete er ſo jung, daß er ſich ſelbſt noch ein Kind nennt, und auch die Liebe ſchlich ſich ſo frühe in ſein Herz ein, daß er klagt,„die Liebe laſſe es ihn ſehr ent⸗ gelten, daß er der Jahre noch ſei ein Kind.“ Gleich zu Anfang
der Maneſſe'ſchen Sammlung ſind kindlich ſchöne Lieder von ihm uns aufbehalten, aber durch deren Jugend⸗, Frühlings⸗ und Liebes⸗ luſt zieht ſich ein elegiſcher Hauch. Wofern er nicht über ſeine Kräfte Großes gewagt hätte, ſo wäre es ein Glück für ihn ge⸗ weſen, daß die Poeſie ihren roſenfarbenen Schleier über ſeine junge Seele wob und die Natur ihm täglich ihre ſchönſten Reize entgegenhielt, die blaue Fluth des Bodenſees, ringsum die Obſt⸗ wälder und die Rebenhügel und in naher Ferne die Pracht der Alpenwelt. Denn die Gegenwart ſeiner häuslichen Verhältniſſe war auch jetzt noch ſo wenig glänzend, als die Vergangenheit der⸗ ſelben; es bedurfte die arme Wirklichkeit einer dichtexiſchen Ver⸗ klärung, da ſie ſo grell abſtach gegen die Erinnerungen ſeines Geſchlechts und gegen die drei Kronen, für die er ſchon in der Wiege geboren ſchien. Er war öfters ſo arm, daß er ſich mit ſeinem kleinen Gefolge kaum hätte erhalten können, hätten ihn nicht die Städte Oberſchwabens in dankbarem Gedenken an ſeine Väter bei ſich aufgenommen und unterſtützt. Dieſe wackern Männer und Frauen von Oberſchwaben hatten nicht blos eine offene Hand für ihn, ſondern auch ein mitfühlendes Herz für ſein Schickſal, und er konnte es hören, wie das Volt daſelbſt Lieder ſang vom Un⸗ glück ſeines Hauſes.
Hatte ſich ſein Großvater Friedrich vermählt, als er kaum das fünfzehnte Jahr zurückgelegt hatte, ſo vermählte ſich Konradin im Jahre 1266 mit ſeiner geliebten Braut, mit Brigitta, einer Tochter des Markgrafen Dietrich von Meißen. Die Hochzeitfeier wurde zu Bamberg gehalten. Sein Oheim, der römiſche König Heinrich, war zwar noch früher, ſchon mit dreizehn Jahren, der Gemahl der Margaretha von Oeſterreich, die Ehe aber auch ohne Glück für Beide und für das Reich geweſen; und Brigitta war noch zarter als Konradin, und ganz unähnlich der Conſtantia Kaiſer Friedrich's, die, älter an Jahren, dem italieniſch früh⸗ entwickelten Friedrich viel Erfahrung erſetze.
Konradin hatte in Buchhorn, dem heutigen Friedrichshafen, in Ravensburg, unter den üppigen Fruchtbäumen von Arbon, wo noch heute die Burg zu ſchauen iſt, darin er wohnte, und in an⸗ dern Städten dieſſeits des Bodenſees, von deren treuer Gaſtfeeund⸗ ſchaft gelebt, mit ſeinem Freunde Friedrich von Baden, einem Sohne des Markgrafen Hermann und der öſterrdichiſchen Gertrud, der Babenbergerin, der ihm verwandt war durch Familienbande, durch Aehnlichkeit des Gemüths und des Schickſals, wie durch gleich⸗ zeitige Erziehung am bairiſchen Herzogshofe. Sie waren ganz gleichartig und durch innigſte Freundſchaft verbunden.
In ſolcher Lage war Konradin, als ihm von jenſeits der Alpen herüber der Thron ſeiner Väter, Glanz und Ruhm winkten. Was er und ſein Freund Friedrich lange im Stillen als Traum und Wunſch gehegt hatten, das trat jetzt als lockende Wirklichkeit vor ihn und zwar in ſo ſchönem Lichte, wie italieniſche Geſandte die Zuſtände jenſeits der Alpen in ihrem eigenen Vortheil nur immer malen mochten. Konradin berathſchlagte ſich mit ſeinen Verwandten. Seinen Oheimen Ludwig und Heinrich von Baiern,
ſeinem Stiefvater, dem Tiroler, und den Freunden ſeines Hauſes
gefiel, was die Geſandten vorbrachten, wie dem Jüngling Konradin ſelbſt; nur die Königin Eliſabeth, ſeine Mutter, widerſetzte ſich beharrlich.„Die Gefahr,“ ſprach ſie,„iſt gewiß, der Erfolg zweifel⸗ haft, jede bisherige Erfahrung abſchreckend. Italien hat die Hohen⸗ ſtaufen immerdar tückiſch angelockt und ihnen Kraft und Blut aus⸗ geſogen. Sollte ſich der Letzte dieſes Stammes nicht vielmehr warnen, als verführen laſſen, ſollte er nicht ein mäßiges Beſitzthum in dem heiteren Schwabenland vorziehen jenem trügeriſchen, von finſteren Mächten umgewühlten Zauberboden? Kannſt Du wirklich nicht das Leben mit redlichen deutſchen Freunden und Lehensmannen vor⸗ ziehen dem Bekämpfen feindlich, dem ängſtlichen Bewachen zweideutig Geſinnter, dem überall mit Zerſtörung begleiteten Abmühen nach einem unerreichbaren Ziele?“ So klar fühlte, ſo dringend mahnte das ahnungsvolle Mutterherz.
Aber Konradin entgegnete ihr:„Mein Großvater war nicht aäͤlter als ich, da er Deutſchland eroberte und einen Kaiſer und Papſt bezwang.“ Der poetiſche Träumer Konradin wußte nicht oder ver⸗ gaß, daß unter dem Himmel Palermos und Neapels die Menſchen leiblich und geiſtig ſich früher und ſchneller entwickeln, als auf den Bergen Baierns und Schwabens: ſein Großvater war damals ohne Vergleich gereifter an Leib und Geiſt. ſandten erhielten die Verſicherung, Konradin werde in Kurzem in Italien ſich einfinden.
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Die italieniſchen Ge⸗
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