Jahrgang 
13 (1868)
Seite
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hatte, als ſollten Thätlichkeiten den Demonſtrationen folgen, er⸗ ſchien eine dritte Perſon auf dem Schauplatze eine arme, kränklich ausſehende, abgehärmte Perſon mit gutmüthigem Geſichts⸗ ausdruck. ‚Was haſt Du, Sophie? Sei nicht bös! Sei brav! Und als das Mädchen den Ton dieſer Stimme hörte, breitete ſich ein Ausdruck unendlicher Freude über das eben noch zornige Geſicht; mit gefälligem Gurgeln und Grunzen lief es herzu, leckte der Alten das Geſicht, wie ein Hund thut, und legte die Wange an die ihrige.

Wir ſind am Ziele! ſagte der Doctor, indem wir unter eine kleine Vorhalle traten.Seien wir vorſichtig. Ich habe Ihren Namen nicht genannt; wüßte man ihn, ſo könnte dies ein Hinder⸗

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niß für unſere Abſichten ſein. Sie ſind alſo nur ein Freund, der ſich für Fälle dieſer Art intereſſirt. Freilich, wenn Noth an den Mann geht und wir geradezu gefragt werden, wollen wir keinen falſchen Namen angeben; bis dahin aber den Ihrigen verſchweigen, iſt wohl keine Sünde. 3

Der Pater Rector gewährte unſere Bitte, ohne nach meinem Namen zu forſchen, und ertheilte augenblicklich Befehl, den Jungen

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2 vorzuführen. Emil, erzählte er uns,iſt von wohlgebildeten Eltern. 4 8 Der Vater iſt geſtorben, die Mutter lebt noch. Der ſtärker ver⸗

bildete ältere Bruder, der mit ihm hier lebte, ſtarb vor zwei Jahren; eine weniger verbildete, aber auch noch thieriſche Schweſter lebt in einer andern Anſtalt. Er hat hier noch einen Bruder, der ein hübſcher, intelligenter Knabe iſt. Wir halten den Jungen wie ein Hausthier. Man ſpielt und amuſirt ſich mit ihm, wie mit einem gutmüthigen, aber ſchlecht erzogenen Hunde. Der Bruder war bösartig und tückiſch, biß gefährlich und ließ ſich, einmal

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in Wuth, kaum von ein paar Männern bändigen; dieſer würde

Keinem etwas zu Leide thun, und ſo thut ihm auch Niemand etwas zu Leide. Das ſeltſame Weſen trat ein, in einen Kittel von grobem,

braunem Wollſtoff gehüllt, der ihm bis zu den Füßen reichte, einen

Shawl nachläſſig um den Hals geſchlungen. Als ob ich den Zwillingsbruder von Sophie Wyß ſähe! Dieſelbe Haltung mit

krummem Rücken, einwärts gebogenen Knieen, gebogenen und etwas nach innen gedrehten Armen, daſſelbe freundliche Grinſen in dem ſtupiden Geſichte mit den dicken, beſtändig geifernden Lippen, den vorgewulſteten Augenbrauenbogen, hervorſtehenden Backenknochen und der zurückweichenden niedrigen Stirn, über welcher damals ganz kurz⸗

Emil N., achtzehn Jahre alter Mikrocephale.

geſchnittene, ſtruppige Haare den kaum fauſtgroßen Schädel deckten. Freund Richard Seel aus Elberfeld, der vielbewährte Meiſter, der ſpäter, mit vieler Mühe freilich, ein wunderbar gelungenes, lebens⸗ großes Portrait von Emil fertigte, deſſen verkleinerte Nachbildung ich hier gebe, hat vielleicht etwas zu viel geiſtigen Ausdruck in dieſe Augen gelegt, die uns gutmüthig anſtierten, jeder unſerer Bewegungen haſtig folgten und Fragen an uns zu ſtellen ſchienen, welche die Intelligenz des Weſens doch nicht zu formuliren im Stande war. Willig reichte er dem Einen und Andern die Hand, ließ ſich mit Behagen an dem Kopfe krauen, betaſten, meſſen. Es war leicht, zu conſtatiren, daß der knöcherne Schädel, die Gehirnkapſel, noch weit kleiner ſei, als der Kopf auf den erſten Blick erſchien, denn die Kopfhaut zeigte ſich beim Betaſten bedeutend verdickt, hie und da ſelbſt wulſtig, ſo daß ſie den Raum zwiſchen den vortretenden Augenbrauen und dem Stirnknochen vollſtändig ausfüllte und bnete, während in der That die knöcherne Stirn einen tiefen Ein⸗ druck bietet.