Jahrgang 
13 (1868)
Seite
196
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Thorbach

Frau von T blickte ſchweigend zu Boden.

Ich kann nicht vollenden, ſagte ſie dann.

O wohl, dann keine Silbe weiter davon. So bitter die Poaaüaſ ſind, welche ich mir in dieſem Augenblicke über meine grenzenloſe Thorheit mache, ſo glücklich bin ich in dieſem ſelben Augenblick auch, ſie mir machen zu können... und kein Wort von Ihnen kännt Glück ſteigern, noch es verringern, ich habe Sie von dem erſten Augenblicke an, wo ich Sie ſah, zu ſehr, zu enthuſiaſtiſch bewundert, zu leidenſchaftlich an Ihrem Bilde ge⸗ hangen, zu unausgeſetzt dies Bild in meiner Seele getragen, als daß es mich nicht namenlos glücklich machen ſollte...

Der Hauptmann wurde in der ſchwungreichen Liebeserklärung, zu der ihn ſein Gefühl unbezwinglich hinriß, plötzlich unterbrochen.

Die Rhin öffnete ſich, und die Zofe mit den Korkzieherlocken trat auf die Schwelle.

Der Herr Friedrich! ſagte ſie meldend.

Frau von Thorbach ſchien in hohem Grade erleichtert auf⸗

zuathmen. Ganz recht, ſagte ſie,führ' ihn ein. Der Haüptmann hatte einen ſehr zornigen Blick auf die

ſtörende Zofe geworfen; die junge Frau ſtarrte mit einem Antlitz, aus dem wieder die Farbe gewichen, die Thür an, als ob ſie auf das Eintreten Friedrich's im höchſten Grade geſpannt ſei. Friedrich kam, mit bewegten Zügen, mit geröthetem Geſichte. Ich hörte im Wirthshauſe, daß Sie gekommen ſeien, Herr Hauptmann, rief er aus,und eilte hierher in größter Unruhe, in halber Verzweiflung. Zürnen Sie mir nicht... es iſt eine unſelige Sache... ich bin nicht ſchuld daran... wahrhaftig, ich bin nicht ſchuld daran Hich gäbe ein paar Jahre meines Lebens vammen, hätte ich nichts damit zu ſchaffen, wär' ich nie in dies Dorf zurückgekommen... und für Sie muß es doch ganz

niederſchmetternd, ganz entſetzlich ſein ich bin außer mir darüber, ſeit ich mich ſo recht in Ihre Lage verſetzt habe. 4 Aber, mein Gott, was haft 5 u denn, Friedrich? ſagte der

Hauptmann äußerſt üͤberraſcht und erſchrocken über die ungeheuche lte Verzweiflung, welche ſich in riedrich s Worten und in ſeinem ganzen Weſtn kundgab, und zuuleid d daran denkend, daß ihn auch

Frau von Thorbach mit dieſen ſeltſamen Unſchuldsbetheuerungen empfangen h habe.

Was ich habe?.Aber haben Sie's denn von der gnädigen Frau noch nicht gehört... daß... daß die gnädige

Frau und ihr Advocat ein vollſtändiges Complot zeſdede haben, daß man Ihnen alles Ihrige, Ihr Gut nehmen will. um es mir zu geben?

Ah bah! rief der Hauptmann aus,

bald auf den Unter⸗

offieier, bald auf Frau von Thorbach blickendDu biſt wohl wahnſinnig geworden?

Faſt, ſagte Friedrich mit lakoniſcher Bitterkeites wär' auch kein Wunder.

Dabei warf er ſich, ohne eine Einladung abzuwarten, in

einen Seſſel.

Aber ſo rede doch weiter, fuhr

Friedrich ſch üttelte melanchol liſch d

Es iſt mir lieber, ich mag's nicht.

So viel ſeh' ich, die Subordination jihemn. Dir wunderbar ſchnell hier abhanden gekommen,¹ bemerkte der Hauptmann noch immer höchſt geſpannt von ihm in die Züge der Frau blickend.

Ich ſehe, ſagte dieſe in großer Erregung,ich muß das Wort nehmen und Ihnen Alles erklären, Herr von Mechtelbeck. So höxen Sie, um was es ſich handelt. 3

Frau von Thorbach begann nun dem Hauptmann den Stand der Sache mitzutheilen, ſo gut ſie als Frau es konnte; ſie umging den eigentlichen Grund der Handlungsweiſe des alten Barons Mechtelbeck klar zu legen; ſie hielt ſich an die Thatſachen, an das, was ſie über die Geſtändniſſe d der Hebamme und die Mitwiſſen⸗ ſchaft iiburs alten Jägers wußte.

Der Hauptmann hatte ſie groß und mehr mit dem Ausdrucke der Zerſtrenihet als der Spannung angeſehen; er hatte Frau von Thorbach, während ſie redete, mit keiner Silbe unterbrochen.

Als ſie geendet hatte, ſprang Friedrich auf.

Und nun ſag' ich Ihnen, rief er aus,daß die ganze unſelige Geſchichte unnſonſt aufgerührt iſt. Das Gewicht von dem ganzen Uhrwerk, welches in Gang geſetzt werden ſoll, wie Roſt⸗

der Hauptmann fort. den Kopf.

wenn's Andere Ihnen ſagen, ſagte er,

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kommt es nicht an.

meyer ſich ausdrückt, habe ich von mir geſchleudert, ich habe dem Advocaten verboten, irgend einen weitern Schritt zu thun. Mir iſt die Welt vollſtändig erleidet, und ich kümmere mich nicht im Mindeſten darum, ob ich ein ausgeſetzter Freiherrn⸗ oder ein Tag⸗ löhner-⸗Sohn bin...

Auch der Hauptmann erhob ſich.

Das kann nichts entſch eiden, Friedrich, ſagte er ſehr ernſt und faſt gebieteriſch.Was wir in dieſem Augenblick empfinden, kann nicht maßgebend für unſer Handeln ſein, und ob wir mehr oder weniger niedergeſchmettert ſind dori dieſe Thatſachen, darauf Auch nicht auf die Befehle, welche Du Dei⸗ nem Anwalt Aedehen haben magſt, denn ich ſehe nicht ein, wozu überhaupt hierbei ein Anwalt nöthig iſt. Nah dem, was ich ge⸗ hört, gebe ich ohne Zögern die Erklärung ab, daß ich an der Wahrheit von dem Allen, was Frau von Thorbach mir eben er⸗ öffnete, nicht zweifle, Dich als meinen älteren Bruder anerkenne und Deinem Ergehunisneh bereitwillig ſofort Alles hingebe, was nicht mir, ſondern Dir zukommt. Ich thue dies mit dem Gefühl, daß ich dabei gewinne, weil ich, der bisher im Leben ſo ziemlich allein ſtand, einen Bruder finde... ich kenne Dich lange genug, um zu wiſſen, was ich an dieſem Bruder finden werde, ein echtes, treues, warmes Bruderherz, wie ich es für Dich haben werde.

Friedrich ſtand wie eine Statue vor dem Hauptmann, während dieſer in größter Bewegung und ihm die Hand entgegenſtreckend die ſchlichten Worte ſprach, deren Ton verrieth, wie ſehr ſie ihm aus der Seele kamen. Nicht mehr Verdruß und Kummer blickte aus Friedrich's Zügen heraus, ſondern ſeine Augen ſchauten feucht, mit einem Ausdruck unendlicher Gutmüthigkeit und Hingabe in Sie Augen des Hauptmanns. Mit zitternder Lippe ſagte er jetzt:

Herr Hauptmann, Sie... Bruder, Du biſt der bravſte, delſte...

Er konnte nicht weiter, die Thränen ſtrömten ihm über die Wangen, und die beiden Brüder lagen ſich in den Armen.

Auch Frau von Thorbach war von der Scene zu Thränen gerührt; ſie war an's Wenſter getreten, um dieſe Thränen zu ver⸗ bergen, ihr Tuch vor den Augen... Friedrich ſah es, und ſich aus dem Arme ſeines Bruders löſend, rief er mit ſeiner brüsken Gutmüthigleit:

Ach, ich inböhr Dir noch mehr geben als blos einen Bruder in dieſer Stunde Frau 8 Thorbach, wenn ich nun einmal der Bruder bin, ſo darf ich auch für den Bruder ſprechen... ich weiß, daß er Sie 4.

Friedrich, was thuſt Du? unterbrach der Hauptmann ihn in hohem Grade erſchrocken und einen Schritt vortretend, wie um ſich zwiſchen ihn und die junge Frau zu ſtellen.

Dieſe wandte ſich eben ſo raſch mit hochgeröthetem Ge⸗ ſicht, durch ihre Thränen lächelnd, ſagte ſie, dem Hauptmann ihre Hand entgegenſtreckend, zu Friedrich:

Glauben Sie denn, es ſei nöthig, daß Jemand für ihn bei mir ſpreche? Viel eher hätte ich Jemand nöthig, der für mich

das Wort ſpräche, das ſo ſchwer für eine Frau auszuſprechen iſt .doppelt ſchwer nach... ſo langer böſer Erbfeindſchaft. Der Hauptmann blickte ſie an, keines Wortes mächtig; dann ließ er ſich auf ein Fu vor ihr nieder, zog die Hand, die ſie ihm gereicht hatte, an ſeine Lippen und ſagte ſelig zu ihr auf⸗ blickend:

Sind denn Worte nöthig? denn ich finde keine.

Das wäre grauſam für mich,

1.

In der Nachmittagsſtunde, als der Bauer Herbot mit ſeiner Tochter und ſeinem Geſinde eben vom Kaffee aufgeſtanden waren, wurde die Ruhe des ſtillen Hofes plötzlich durch einen leichten Charabane geſtört, der mit zwei hübſchen Eiſenſchimmeln in Zucker⸗ geſchirr beſpannt vor der großen Tennenthür hielt und von dem Frau von Thorbach und der Hauptmann von Mechtelbeck ſtiegen. Der Bauer ging nen entgegen, Schritte hinter ihm, um den Beſuch ihrer Gönnerin zu empfangen

als ſie ſah, daß Frau von Thorbach ſich, wie ſie die Tenne beim Gehen auf den Arm eines Mannes in einer

herabkam, Uniform ſtützte, ſchoß ihr plötzlich alles Blut zum Herzen zurück aber nur für einen Augenblick... ſie ſah bald, daß ihr Er⸗ ſchrecken ohne Grund geweſen. Frau von Thorbach kam ihr lel⸗ haft entgegen.

Marianne folgte zaghaft einige