Jahrgang 
13 (1868)
Seite
194
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ſchon wußte es das ganze Dorf, zuſammt der Bauernſchaft! Da half mir nun nicht mehr, daß ich dem Vater ſagte: zich hab's ja nur ſo dahin geſagt, ich kenne den Friedrich ja gar nicht und habe mein Leben nicht an ihn gedacht, ich will ja auch den Raffels⸗ berg oder den Erdmann oder den Wallfurth nehmen, welchen Ihr wollt, ſagt nur ſelber, welcher es ſein ſoll, es iſt mir juſt Alles Eins er fuhr mch an, ganz roth vor Zorn im Geſicht: zjetzt leugneſt Du's ab, ſe er, zjuſt, wo ich Dir geſagt hab', daß der Friedrich ein Baron iſt, Du denkſt, jetzt läßt er Dich ſitzen, und Du willſt die Schande und den Spott darüber nicht haben nichts, ſag' ich Dir, komm' mir wieder mit dem Raffelsberg oder Wallfurth, und Du ſollſt ſehen, was ich thu'! Der Friedrich wird ſchon Fuß beim Male halten er ſoll, ſag' ich Dir! So fuhr er mich an, und ich hab's müſſen aufgeben, ihn und die Leute zur Vernunft zu bringen... ſie ſind einmal alle wie toll! Und nun wiſſen Sie Alles, und wenn Sie's mir vergeben können, ſo dank' ich Ihnen aus Herzensgrunde, aber ich, ich kann's mir Zeitlebens nicht vergeben!

Liebe Marianne, ſagte Friedrich gerührt, nachdem er eine Weile ſchweigend das voll bitterer Verzweiflung die Hände zu⸗ ſammenfaltende junge Mädchen angeſehenzu verzeihen iſt da nicht viel... es iſt am Ende mehr Unglück für Sie als für mich dabei. aber ſo fürchterlich iſt das Unglück auch nicht, daß Sie ſo verzweifelt darüber zu ſein brauchen. Ich denke, wir gehen ruhig jeder unſeres Weges und laſſen die Leute ſchwatzen... endlich müſſen ſie doch aufhören zu ſchwatzen.

Marianne nickte weinend mit dem Kopfe.

Es iſt das Einzige, was wir thun können, ſagte ſie.

Ich könnte auch mit Ihrem Vater ein offenes Wort reden, fuhr Friedrich nach einer Pauſe fort.

Das könnten Sie, ſagte Marianne,ich will gern das Un⸗ wetter aushalten, welches dann über mich käme!

Ja ſo daran dacht' ich nicht! fiel Friedrich ein.Das ſollen Sie nicht! Es iſt alſo nichts zu thun, als daß jeder von uns ruhig ſeines Weges geht...

Es iſt das Beſte! ſagte Marianne.

Friedrich wurde nun durch nichts mehr davon abgehalten, dieſen weiſen Entſchluß ſofort auszuführen, und doch ſchien er keine Luſt zu haben, ſeines Weges zu gehen. Er ſah wieder auf Marianne; er redete nicht, aber er ſuchte offenbar ihr Auge.

Aber ſie vermied ſeinem Blicke zu begegnen; ſie ſtarrte wie noch immer rathlos auf das Gras des Raſens vor ihr.

Marianne! ſagte er nach einer Weile. Sie ſah flüchtig fragend nach ihm auf.

Ich weiß noch recht gut, wie wir zuſammen als Schulkinder in die Kirche gingen.

Marianne nickte mit dem Kopfe; ſie ſchien dieſer Thatſache kein großes Gewicht beizumeſſen.

Sie waren die Hübſcheſte in der ganzen Mädchenſchule.

Marianne ſeufzte blos.

Sie ſind ſeitdem noch viel hübſcher geworden... ich hätte nicht gedacht, daß es ein ſo hübſches Mädchen in der Welt 9 44

Sie fuhr zuſammen und ſah ihn mit einem ernſten, ſchwer müthigen Blick an.

Sie vergeben mir alſo? ſagte ſie;und wir müſſen nun jeder ſeines Weges gehen; es darf uns auch kein Menſchenauge je zuſammen erblicken!

Nein, niemals! antwortete Friedrich.Und ich muß jetzt gehen. Ich gehe jetzt auch ſchon. Und Marianne... um's gerade heraus zu ſagen... ich merke jetzt erſt, daß Sie doch etwas recht Schlimmes angeſtiftet haben... wär's nicht deswegen, ſo dürft' ich jetzt hier bleiben und ruhig mit Ihnen plaudern und vielleicht auch morgen wiederkommen...

2 ohne ganz zu wiſſen, was ſie ſagte;aber jetzt müſſen Sie gehen, der Vater könnt' erwachen und kommen...

Friedrich erhob ſich und reichte ihr die Hand; ſie nahm ſie und ſah ihn mit ihren feuchten Augen ſeelenvoll und innig an.

Ich danke Ihnen aus Herzensgrunde, daß Se ſo gut ſind, ein gar ſo guter Menſch und mir ſo vergeben haben... Leben Sie wohl... Gott ſei mit Ihnen!

Friedrich hielt die Hand und ſah in die Augen Mariannens und blickte dabei ſo ſeltſam, ſo nachdenklich... was er dachte,

Ach ja, ach ja, es iſt eine böſe Sache, ſeufzte Mariaungf

mußte ihn ganz vergeſſen laſſen, daß man eine Hand nur nimmt, um ſie nach einem herzlichen Druck wieder fahren zu laſſen. hielt Mariannens Hand feſt in der ſeinen.

Sie entzog ſie ihm.. Adieu, Herr Friedrich! ſagte ſie mit einem Tone, in dem

die Rührung zitterte.

Adieu, Marianne! antwortete er, wandte ſich und ging. Als er die Hausecke erreicht hatte, kehrte er plötzlich zurück. Marianne, ſagte er mit einem ſchüchtern leiſen Ton... mir iſt eben etwas eingefallen!

Und was, Herr Friedrich?

Wir könnten auch etwas Anderes thun.

Was denn?

Wir könnten auch den Leuten, welche durchaus wollen, daß

wir verlobt ſeien, und ſo viel Geſchwätz darüber machen, ſagen: ‚Nun ja, in Gottes Namen, wir ſind es le

Aber, antwortete Marianne,dann gäben ſie uns ja nie

Ruhe mit ihren Fragen, mit ihrem Gerede!

Ruhe... ach, ſie würden uns ſchon Ruhe geben, wenn ſie erſt ſähen, daß es wirklich an dem ſei, daß... 3

Marianne wurde purpurroth.

O mein Gott! rief ſie aus,was denken Sie?

Sie gefallen mir ſo, Marianne, fuhr Friedrich fort,mehr

als mir je ein Mädchen in der Welt gefallen hat, je eins wieder gefallen kann... und ich... ich glaube, ich bin ein ehrlicher Kerl, auf den eine Frau bauen lann... und unſer Auskommen hätten wir auch; Doctor Roſtmeyer ſagt wenigſtens, daß mir Alles. 3

O hören Sie auf, hören Sie auf, rief jetzt Marianne aus, o nimmermehr, lieber ging' ich in den Tod, als jetzt, jetzt Sie nehmen!

Marianne, ſagte Friedrich mit bebender Lippe und er⸗ bleichend.iſt das Ihr Ernſt?

Nimmermehr, nimmermehr! ſchrie ſie wie ganz entſetzt auf, ſchlug die Hände vor's Geſicht und rannte davon.

Friedrich ſtand wie angewurzelt und ſtarrte ihr nach.

Sieh, murmelte er endlich, tief Athem holend,da hab ich einen Korb bekommen! Pfui Teufel!

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Friedrich war für ſeine Leute der nachſichtigſte und gut müthigſte Vorgeſetzte, den es geben konnte, aber hätte er heute ſeinen Zug bei den leichten vierpfündigen Hinterladern zu exereiren gehabt, ſie hätten ihn nicht wiedererkannt. Er war zornig, er war

erbittert, er war grenzenlos niedergeſchlagen, er war ſchwermüthig,

daß er hätte weinen mögen... er hatte ſich vollſtändig verliebt in Marianne während der Unterredung mit ihr; jetzt, wo ſie ihn ausgeſchlagen, wo ſie ihm wie etwas Unerreichbares vor Augen ſtand, liebte er ſie leidenſchaftlich und das Leben ſchien ihm keinen Werth zu haben ohne ſie. 8

Und ſie hatte ihn ſo gründlich, ſo entſchieden, ſo hoffnungs⸗ los ausgeſchlagen; ſo beleidigend, ſo heftig ſogar. i den Tod! hatte ſie ausgerufen... das wäre doch wenigſtens nicht nöthig geweſen, ſagte ſich Friedrich gedemüthigt und empört. Ich muß ihr wohl gründlich mißfallen haben, ſetzte er hinzu. Ich wollte lieber, ich hätte ein Bein gebrochen, bevor ich in dies ver⸗ zweifelte Dorf zurückgekommen... der Teufel hole die Baron⸗

ſchaft... kann ich ſie mir jetzt noch mit Ehren von dieſem Bauer Herbot mit ſeinen tauſend Thalern einkaufen laſſen? Jetzt, nimmermehr! Und was ſoll ich nun machen?... ſoll ich einfach nach Hauſe gehen und den Unterofficier ſpielen wie vorher und dem Haupt⸗ Aber halt, da kommt mir ein

wo mir ſeine Tochter einen Korb gegeben hat...

mann Alles verſchweigen?... Gedanke...

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Der Gedanke, welcher Friedrich gekommen, war einfach der, daß ja der Hauptmann jetzt nicht mehr blos ſein Vorgeſetzter ſei,

ſondern ſein Bruder. Er hatte einen Bruder,.. der konnte er zur Hülfe rufen!. Als er in ſeinem Wirthshauſe wieder angekommen, forder

. und den Bru

er Schreibzeug und ſetzte in einer ſehr ſchönen, wie eine Vorſchrift

ausſehenden Handſchrift folgenden Brief auf:

*

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