Jahrgang 
10 (1868)
Seite
152
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reichliches Gras, Breitwegerich und Schellkraut. Im ganzen Orte, wenn man ihn nach allen Richtungen durchſtreift, ſieht man nicht ſo viel Seelen wie an der Table d'hôte im dortigen Gaſthofe. Es ſollen dies aber faſt lauter Beamte ſein, vom großherzoglichen Oberamte, alle ſehr fleißig, welche, wenn ſie den Löffel weglegen, ſogleich wieder zu regieren anfangen.

Drum ſaßen wir denn alsbald ganz allein an dem leeren Tiſchtuch. Alsbald zog auch eine unauslöſchliche Sehnſucht nach einer beliebigen Ferne in unſere Herzen ein, und ſo eilten wir denn, das entgötterte Heiligthum ſo ſchnell wie möglich wieder zu verlaſſen. Kaum daß wir noch unſere Zeche bezahlten und vom Wirthe Abſchied nahmen. Eine gleiche Langweile, wie in St. Blaſiens Schatten, hatte ich in dieſem Leben noch nicht empfunden. Ich fühlte mich immer leichter, je mehr das tiefe Schnurren der Maſchine verhallte, und als auch das blinkende Kreuz hinter dem Walde verſchwunden, war es gerade, als wäre mir eine ganze kupferne Kuppel vom Herzen gefallen.

Nach Höhenſchwand ging damals unſer Weg nach Höhen⸗ ſchwand, welches ſo zu ſagen der Berg Nebo iſt, von deſſen Gipfel aus man das ganze Land Canaan(V. Moſ. 34), nämlich die Schweiz und alle ihre Alpen vom Jura bis hinüber zu den Tiroler Bergen überſehen kann. Die Schweizer halten ungemein viel auf dieſe Ausſicht, obgleich ſie noch auf großherzoglich badiſchem Boden gelegen iſt; ſie ziehen oft elubweiſe herauf, um ſie zu genießen, ſie zeichnen ſie kunſtgerecht und beſchreiben ſie, ſo gut ſie können, kurz ſie laſſen ihr die ſorgfältigſte Pflege angedeihen, wie einem theuren Hausſchatz und edlen Kleinod.

Auch wir waren ſchon im Voraus befangen von ihrem mäch⸗ tigen Eindrucke und zogen wohlbewaffnet einher mit Augengläſern,

gekommen waren, ſahen wir nichts als einen ungeheuren Wolten⸗

Reize, wie man zu ſagen pflegt, neidiſch verhüllte. gehende Sonne beſchien ihn wohl mit ſanften Strahlen, er wurde auch gelb und roth davon, aber er erhob ſich nicht. Nur da und dort, gerade über dem Horizont, ſah man in weiteſter Ferne etliche ſilberne Flocken durchſchimn faſt wie zerriſſene und zerſtreute Zindelſtücke. Das waren ungfrau, das Finſteraarhorn und andere Celebritäten. Die Baſaltkegel des Hegau dagegen waren unverſchleiert und deutlich ſichtbar. Nachdem wir aber ſo viel er⸗ wartet hatten, wollten wir uns gar nicht herablaſſen, auch dieſe noch zu bewundern..

Ein ſchmerzhafter Tag! ſeufzte da der Maler.Dieſe lang⸗ weilige Kloſterfabrik und dieſes langweilige Belvedere mit ſeiner unſichtbaren Ausſicht! Jetzt, da ich mit der Natur kein Glück habe, gäbe ich Alles für einen kurzweiligen Menſchen, namentlich, wenn er eine Nationaltracht anhätte, ſo daß man ihn ordentlich zeichnen könnte.

Ja, da müſſen Sie, ſprach ein Bauer, der auf dem näch⸗ in Felde arbeitete,nach Immeneich hinuntergehen, da iſch e

o tz!

Hotz Hotz Hotz, wiederholte der Maler,haben wir das Wort nicht ſchon gehört? ‚Herriſchried und Rickenbach, das ſind die rechten Hotzenneſter, ſagt' es nicht der fürſtliche Rath zu Donau⸗

eſchingen? Auf, laßt uns hinuntergehen nach Immeneich, zum Hotzen, mich drängt das Herz, den Biedermann zu ſchauen! Alſo nach Immeneich zum Hotzen!

Eines deutſchen Mannes Bild.

1. Aus Leipziger Kreiſen.

Es war in der gährenden Zeit zwiſchen dem vorletzten ita⸗ lieniſchen Kriege und dem Beginn der Sammlungen für die preußi⸗ ſche Flotte, als ſich in einer der zahlreichen Trinkſtuben, welche die weltbekannten Höfe und Durchgänge der alten Meßſtadt Leipzig ber⸗ gen, ein Kreis von politiſchen Glaubensverwandten zuſammenfand, der ſelbſt in dem vielfältig angeregten, geſcheidten Klein⸗Paris in mehrfacher Hinſicht einzig in ſeiner Art war. Genauer geſprochen, war ſein Geburtsort der Officierstiſch der Kitzing'ſchen Bierwirth⸗ ſchaft im Petrinum. Raſch gewachſen, oder, um mit dem komi⸗ ſchen Dichter der Genoſſenſchaft zu reden,

Wie Iſrael, als es gewachſen, Aus der Aegypter Mitte ſchwand, zog dieſelbe dann hinüber zum zweiten runden Ecktiſch des Zimmers. Dienstag und Freitag waren die Tage, an denen man ſich Abends zwiſchen ſieben und neun bei dem ſchweren Gerſtentrank des wackern Wirths zu ſammeln pflegte, um in Ernſt und Scherz über alle möglichen Dinge und einige andere ſeine Gedanken auszutauſchen. Namentlich aber beſprach man die politiſchen Fragen und Sorgen der Zeit, und nach dem Geiſte, in dem dies geſchah, glaubte die böſe Welt ſich berechtigt, dieſen Kreis von deutſchen Patriotendie preußiſche Verſchwörung zu nennen. Sehr leichtfertig, ſchon wenn man ſich an den obengemeldeten Urſprung deſſelben erinnerte. Es waren nicht viele Männer, die ſich hier zu zwangloſer Unterhal⸗ tung und gegenſeitiger Erbauung trafen, etwa ſo viele, wie ein rechtſchaffener runder Tiſch von Mittelgröße, wenn die Gäſte artig zuſammenrücken, zuläßt. Aber es war eine vortreffliche Miſchung der verſchiedenſten Stände, Kräfte und Erfahrungen, und es gab unter den Mitgliedern der Tafelrunde Namen vom beſten Klange. Man hörle manche kluge Rede, manch' warmes Wort. Gute Laune würzte das Geſpräch mit ergötzlichſten Einfällen. Wir hatten da unter uns, um dem erwähnten humoriſtiſchen Poeten noch einmal das Wort zu gönnen, Geiſtvollſte Blicke, Glanzmomente Gemüth, Charakter und Verſtand.

Alle Berufsarten hatten demKitzing werthe Mitglieder geſtellt. Die Schule war da und die Univerſität, die Rechts⸗ gelahrtheit und die Geſchichtſchreibung, die Kaufmannſchaft 9 der Buchhandel, Verwaltung und Vertretung der Stadt, derhoh

* Ein der Juriſtenfacultät gehöriger Gebäudecomplex auf der Petersſtraße.

Landtag, die dramatiſche und epiſche Poeſie, Naturwiſſenſchaft und Publiciſtik. Selbſt die Diplomatie glänzte im Syſtem der Genoſſen, und ſogar durch ein Doppelgeſtirn. Die Mehrzahl der Freunde waren Leipziger, unter ihnen befand ſich der frühere zweite Bürger⸗ meiſter der Stadt und deſſen ſpäterer Nachfolger. Andere waren Dresdner, darunter Heinrich von Treitſchke, der ſtreitbare Red⸗ ner, der freiſinnige und glänzende Eſſayiſt. Wieder Andere gehör⸗ ten ihrer Heimath nach einer weitern Ferne an, wie Julian Schmidt, der Literarhiſtoriker, und der Verfaſſer vonSoll und Haben. Die Schweiz hatte Salomon Hirzel, den Goethe⸗ kenner, England Crowe, den viel gewanderten, auf den Schlacht⸗ feldern der Krim und Italiens ebenſo wie in den friedlichen Stätten niederländiſcher und romaniſcher Kunſt bekannten Schriftſteller, ge⸗ ſandt. Es war in der That ein Kreis, in dem ſich's gut Hütten bauen ließ, anregend, wohlthuend, wie wenige. Jeder trug ſein Theil bei zu der Summe guter Gedanken, welche in leichtem Geplau⸗ der über dem Glaſe ſich begegneten, der Eine Gemüthlichkeit, der An⸗ dere ſcharfes Urtheil, wieder ein Anderer Erlebniſſe und Erfahrungen eines vielbewegten Lebens. Alle waren gute Cameraden, Eins in

Liebe und Haß, Eins in dem Zuſammenklang der Ueberzeugungen, die ſie über die höchſten Intereſſen der Nation gewonnen hatten,

und der Hoffnungen und Forderungen, die ſie daran knüpften. Alle waren Eins auch in der Verehrung vor dem würdigen Haupte der Geſellſchaft, vor dem, deſſen Geiſt und Weſen ſie vorzüglich zu⸗ ſammengeführt hatte und deſſen Liebenswürdigkeit das ganze Rund vor Allem erwärmte, wie die Sonne die Planeten ihres Syſtems

in der aufrichtigſten Verehrung vor Karl Mathy, dem damalige

Director der Creditanſtalt in Leipzig, dem nachmaligen Miniſter⸗ präſidenten in Baden.

Nicht häufig geſchieht es, daß ein Süddeutſcher raſch heimiſch.

wird im Norden, zumal wenn er in gereiftem Alter ſteht, und

deutſchen Ebene einem Volksgenoſſen aus dem Süden ſchnell unſer Herz zuwenden.

dieſer jenem zu verſtändig, zu zugeknöpft, zu praktiſch. Nichts von

Opernguckern und verſchiedenen Fernröhren. Aber als wir auf dem Belvedere, das eine Viertelſtunde vom Dorfe gelegen iſt, an⸗

vorhang, welcher vor der ſchönen Helvetia ſtand und uns alle ihre Die unter⸗

nicht oft begiebt ſich's, daß wir Verſtandesmenſchen von der nord⸗

Beide Theile der Nation haben ihre beſonderen Vorzüge, die zu ihrer Annäherung führen, beide aber auch Eigen⸗ ſchaften, die ſie für den erſten Augenblick einander fern halten. Der Süden iſt dem Norden zu gemüthlich, zu laut, zu idealiſtiſch,

dem Allen paßte auf das Verhältniß der Geſellſchaft im Leipziger