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faltete, war unbeſchreiblich. Mit verdoppeltem Eifer ſetzte er ſeine Beſuche zu Pferde fort, vertheilte täglich an fünfzig Arme Geld⸗ geſchenke, regte zu Sammlungen, zu Speiſeanſtalten für die Armen an und war überall thätig. Selbſt hohe Summen verwandte er oft auf einmal, umzunverſchuldete Armuth vom Untergange zu retten. Als er eines Abends ſpät hörte, daß zwei brave Familien der Stadt wegen einer bedeutenden Geldſchuld in wenigen Tagen aus Hof und Haus vertrieben werden ſollen, händigte er⸗Frau Zeltner
F Prieſter Chriſti kennen zu lernen. Als er bei dem beſcheidenen Pfarrhaus ankam, war der Geiſtliche bereits am Raſiren und ließ ſich entſchuldigen, daß er in dieſem Aufzuge den hohen Beſuch nicht empfangen könne. Allein Koſciuszko ließ ſich nicht zurück⸗ halten; mit jugendlichem Ungeſtüm drang er in das Zimmer des braven Landpredigers, ſchloß ihn mit Thränen in den Augen in ſeine Arme, bat ihn um ſeine Freundſchaft und bezeigte ihm auf jegliche Weiſe ſeine Hochachtuna. Das Pfarrhaus am Jura
Koſciuszko. Nach dem Originalportrait von Rieker, im Beſitz des Herrn Bankier Brunner in Solothurn.
ſogleich das Geld ein, um es noch am iſelben Abend den Be⸗ drängten zu überſenden.„Zögern Sie ja nicht,“ fügte er bei, „den braven Leuten noch heute das Geld zuzuſtellen; man darf ſie leinen Augenblick länger in dieſem Kummer laſſen. Und ſollten ſie ſchon ſchlafen, laſſen Sie dieſelben aufwecken; es wird ein freudiges Erwachen ſein und ein um ſo ruhigerer Schlummer wird darauf folgen, wenn das Elend nicht mehr über ihrem Haupte ſchwebt.“
Nichts aber ſtellt die echt humane Geiſtesrichtung unſeres Helden in ein ſchöneres Licht, als der folgende Zug. Im März 1817 war ein armer Landpfarrer, der ſein Lebenlang in einer der ärmſten Pfarreien des Cantons als Seelenhirt gewirkt hatte, von den Behörden mit einer der reichſten Pfründen bedacht worden, damit er den Abend ſeines Lebens ohne Sorgen und Mühe ver⸗ leben könnte. Die Ernennung war mit einem ſehr ehrenden Anerkennungsſchreiben begleitet. Der edle Greis konnte ſich aber nicht entſchließen, um ſeiner eigenen Behaglichkeit willen ſeine geliebte Heerde zu verlaſſen, und lehnte die Beförderung dankend ab. Kaum hatte K. dieſen ſchönen Zug der Entſagung ver⸗ nommen, als er ſich auf den Weg machte, um dieſen echten
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wurde von da an ein Lieblingsziel der Spazierritte des wackern Generals.
Während ſeines zweijährigen Aufenthaltes in Solothurn machte K. auch größere Reiſen zu Pferde, um die Schweiz kennen zu lernen. So beſuchte er im Sommer 1816 die claſſiſchen Stellen des Vierwaldſtätterſees und das Schlachtfeld von Morgarten. Als er dort an Ort und Stelle die Einzeluheiten jener denkwür⸗ digen Kämpfe ſtudirte, wurde ſein Herz von alten Erinnerungen an die eigenen Erlebniſſe wehmüthig bewegt, und tiefergriffen drückte er die Hand ſeines Freundes Zeltner und flüſterte:„Ach, hätte mich bei Maciejowice auch ein Hühnenberg gemahnt und hätte Poninski Reding's Schnelligkeit beſeſſen!“„
Eine ſpätere Tour galt der franzöſiſchen Schweiz und nament⸗ lich der weltberühmten Erziehungsanſtalt des großen Volkslehrers Peſtalozzi in Yverdon. Zwei Tage brachte er dort zu, wohnte
den Unterrichtsſtunden bei, verkehrte mit dem lebhafteſten Antheile mit Lehrern und Schülern und wurde mächtig angeregt. Bis zum Tode beſchäftigte ihn der Gedanke, auch in Polen Schulen und Lehrerſeminarien im Geiſte des großen Pädagogen von Yerdon
zu begründen. 3
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