Jahrgang 
1 (1868)
Seite
9
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Rahel hat er noch am meiſten intereſſirt, ihr war er auch am verwandteſten. Dem Herzen nach gar nicht, aber dem Geiſte nach. Für die Uebrigen war er gar zu wenig flüſſig im perſönlichen Verkehre. Er war Zeit ſeines Lebens launiſch. Und nur wenn er guter Laune war, erſchien er ausgiebig. Dann aber auch in hohem Grade. In freundſchaftlichem Briefverkehr mit Varnhagen iſt er übrigens bis an ſein Lebensende verblieben; perſönlich wiedergeſehen jedoch haben ſie ſich nicht.

Was von Heine ſelbſt ſchriftlich auf uns gekommen iſt aus jener Berliner Zeit und bald nach derſelben, das gehört zu ſeinen dürrſten Arbeiten. Eine kleine Reiſe in's polniſche Land hinein, welche im Gubitz'ſchenGeſellſchafter gedruckt wurde, und der Briefwechſel mit einem Freunde Moſer zeigen nur geringe Spuren des Heine'ſchen Talentes. Seine mißlichen Eigenſchaften: Ueber⸗ hebung, Ruhmſucht, manierirtes Haſchen nach Witz, ſtehen im Vordergrunde und beläſtigen, weil eben von einem Hintergrunde noch nicht viel zu ſpüren iſt. Er iſt dieſer mißlichen Eigenſchaften nie ganz Herr geworden, aber er lernte ſehr ſchnell, er ſah mit genialem Auge ſehr viel, er füllte alſo ſeinen Geiſt ſehr raſch, und deshalb treten ſchon nach wenigen Jahren dieſe mißlichen Eigenſchaften in ſolchen Schatten, daß man ſich nicht mehr ge nöthigt fühlt, ſie vorzugsweiſe anzuſchauen. Er findet frühzeitig den Tact für ſeine Fähigkeiten, verläßt den Weg ruhiger Darlegung und Begründung, auf welchem ihm wenig Reize blühen, und wen⸗ det ſich der freien Erfindung zu. In ihr verwerthet er ſeine beſten Gaben, und zwar auf eine neue Weiſe. Er iſt poetiſch und witzig. Dies Dichten und Trennen ſpricht er zum erſten Male in einem Athem aus. Damit begründet er eine eigene literariſche Kraft des Namens Heine.

Ich will nicht ſagen, daß dieſe poetiſch⸗witzige Fähigkeit ab⸗ ſolut neu geweſen. Es haben ſie manche Humoriſten, namentlich engliſche, beſeſſen, es liegt in Voltaire eine ähnliche Miſchung vor Augen, ſie war in ſtarkem Grade Shakeſpeare zu eigen, welchem der Witz überall eindrang und welchem der weite Begriff des Witzes überall zu ſchaffen gab. Aber ein Dramatiker kann und muß ſeine Gaben vertheilen, und dadurch gewinnen ſie eine ganz andere Form und Wirkung, als wenn die Miſchung immer aus ein und demſelben Munde ſtrömt. Und gerade dieſer ein und der⸗ ſelbe Mund, aus welchem Heine in dem bald erſcheinendenBuch der Lieder und in denReiſebildern die grellen Gegenſätze ſprudelte, Witz im Arme der Poeſie, Poeſie in den Krallen des Witzes, gerade dies war der überraſchende neue Effect. Ich brauche das WortEffect abſichtlich. Man wird immer irre gehen, wenn man Heine nach Inhalt und Geſinnung beurtheilen will. Er war durchweg Künſtler, und nur Künſtler; die Form, der Effect war ihm die Hauptſache.

Ich habe in Geſprächen mit ihm oft mit Staunen bemerkt, welch' eine Theilnahme für dramatiſche Form er zeigte, wie er eigentlich darnach ſchmachtete, ein Stück ſchreiben zu können, wel⸗ ches aufgeführt würde. Er peinigte mich mit der wiederholten Frage, ob denn ſeinAlmanſor undRateliffe wirklich nicht aufführbar wären. Mir war dieſe Sehnſucht nach dramatiſcher Form ein merkwürdig Zeichen, ein Zeichen, daß auf dem Grunde ſeines Talents das Drama geruht hätte. Ruhige Kraft, Gerech⸗ tigkeit des Sinns und Geduld der Entſagung auf perſönliche Ge⸗ lüſte hat ihm gefehlt, er hat ſein dramatiſches Talent für Mono⸗ loge Heine's verbraucht, und ſo iſt ſeine ſchriftſtelleriſche Form entſtanden, welche eine wilde Ehe von Gegenſätzen zeigt.

Der dramatiſche Embryo in ihm zog ihn denn auch zu Shakeſpeare, wie zu keinem andern Poeten. Es war ihm ein Genuß, als ihn ein franzöſiſcher Buchhändler veranlaßt hatte, zu Stahlſtichfiguren Shakeſpeare'ſcher Charaktere einen erklärenden Text zu ſchreiben. Einen erklärenden Text ſchrieb er freilich nicht, die Shakeſpeare⸗Erklärer waren ihm ein Gräuel, und ſeine Späße über den poetiſchen Unverſtand oder Querverſtand derſelben waren Legion, aber Ekſtaſen ſchrieb er über Shakeſpeare's Figuren. Sehr wunderlich war er dabei, wenn er über Inſeceneſetzung der ſchwer darſtellbaren Stücke Shakeſpeare's ſprach. Die alte engliſche Bühne mit ihrem naiven Apparate wieder einzuführen, fand er lächerlich dafür hatte er zu lange in Paris gelebt aber eine neue Bühne dafür zu erfinden, ſchien ihm mitunter wünſchenswerth. Und ein neues Publicum auch, warf ich dazwiſchen.

Da haſt Du Recht! rief er lachend,die Bühne des neun⸗ zehnten Jahrhunderts iſt oben und unten nicht mehr für phan⸗ taſtiſche Poeten. Wir müſſen uns an's Ballet halten.

XVI. Nr. 1.

Wirklich ſchrieb er eins und zwar denFauſt. Dieſe Ar⸗ beit gehört in ſeine letzten fünf Jahre, und er beſtand hartnäckig auf dem Wunſche, daß es im Wiener Hofoperntheater aufgeführt würde. Dort mußte ich das Manuſcript einreichen. Es war brillant geſchrieben und ſtrotzte von geiſtreichen Bosheiten gegen die herkömmlichen Anſchauungen über Himmel und Hölle. Die Hölle natürlich beſonders, welche den Fauſt haben ſollte, war reich lich bedacht. Bedacht! Denn es lag der Reiz mehr im Gedan⸗ ken, als im Vorſtellbaren, und wenn ich mir den Balletmeiſter vergegenwärtigte, welcher ſolch' geiſtvolles Poöm in Scene ſetzen ſollte, ſo geſchah dies nicht ohne Heiterkeit. Indeſſen fehlte es doch auch nicht an phantaſtiſcher Schilderung zu Aufgaben für den Maler, Decorateur und Maſchiniſten. Holbein, welcher das Opern⸗ theater dirigirte, war ganz beſtürzt über die Zumuthung. Er hatte ſich grundſätzlich nie mit ſolch' läſterlicher Poeſie beſchäftigt und rettete ſich ſchleunigſt hinter die ſpaniſche Wand der Technik. Dieſe ſagte mit Recht: ſolch' ein Manuſcript ſei ja kein Balletbuch, denn es fehle jegliche ſceniſche Eintheilung. Freilich mit noch beſſerem Rechte hätte man dieſen Entwurf einem geiſtvollen Ballet meiſter, wenn es einen ſolchen gab, überantworten können, damit er den plaſtiſchen Kern herausſchäle und ihm ſo viel, als erreich⸗ bar, vom Kometenſchweife des Gedankens belaſſe. Dann war wohl ein originelles Fauſt⸗Ballet daraus zu entwickeln. Heine's Manu⸗ ſcript hätte als Nachwort dem Büchelchen angehängt werden kön⸗ nen, welches der Zuſchauer an der Caſſe kauft. Der denkende Zu⸗ ſchauer, wenn es ſolche im Ballet giebt, hätte nach der Vorſtellung daheim dies Nachwort geleſen, um zu entdecken, daß er äußerſt ge⸗ heimnißvolle und bedenkliche Dinge ſorglos angeſchaut. Mit ſol⸗ cher Perſpective tröſtete ich damals Heine, welcher ſehr ungehalten war über die Geiſtloſigkeit der Theaterherren.

Für Dich ſind ſie ja auch nicht erſchaffen, entgegnete ich, denn Du raffſt in einzelne Zeilen zuſammen, wovon ein ganzer Theaterabend Nahrung verbreiten will. Dies leuchtete ihm ein, wenigſtens ſeiner Eitelkeit. Und es war im Grunde das, was ich oben angedeutet: ſeine Muſe war ein dramatiſcher Embryo, der die Entwickelung nicht mochte, weil er ſie für langweilig hielt. Kurzweil war ſeine Loſung.

Dieſer BalletentwurfFauſt iſt damals auch nach Berlin gekommen, und dieSatanella Taglioni's ſoll daraus entſtanden ſein. Die Verwandtſchaft iſt verzweifelt entfernt, und von der Seele des Heine'ſchen Ballets iſt derSatanella nicht ein Atom zugegangen.

Nach der Univerſitätszeit war Hamburg der Anfenthaltsort für Heine geworden. Seine Eltern waren längſt vom Rheine dorthin übergeſiedelt. Der Vater ſcheint ein ſpeculativer Kopf ge⸗ weſen zu ſein, aber das Glück ſcheint ihm nicht gelächelt zu haben. In Hamburg dagegen reſidirte der glückliche Fürſt des Heine'ſchen Stammes, Salomo Heine, der Millionär. Er hat ſich immer wohlthätig und freigebig erwieſen gegen die Familie des Dichters. An Witzworten über ihn hat es natürlich nicht gefehlt; ſie bleiben nie aus, wenn Geld und Geiſt mißlich neben einander geſtellt werden. Das bekannteſte war ſein Urtheil über den jungen Dichter Heinrich:Wenn er was gelernt hätte, ſo brauchte er keine Bücher zu ſchreiben. Es klingt ganz ſo gut, als ob es Heinrich ſelbſt erfunden hätte. Ich habe übrigens Heinrich nie anders von ſeinem Oheim Salomo ſprechen hören als mit Hochachtung und einer warmen Zurückhaltung, welche er ſeinem ungeberdigen Satyr grundſätzlich aufzuerlegen ſchien. Der Onkel Salomo und deſſen Sohn Karl waren die einzigen Weſen, die er auch in vertrautem Geſpräche nie antaſtete, und wenn ihm ein ſcherzhaftes Wort über ſie entſchlüpfte, ſo polſterte er dies ſogleich mit einer Watte von Gutmüthigkeit, welche ſonſt ein ganz fremder Artikel war auf ſeinem Lager. Namentlich hegte er einen tiefen Reſpect vor der ſittlichen Größe des Vetters Karl, ſelbſt dann noch, als ihm dieſer Vetter ſchwere und nicht eben lobenswerthe Sorgen machte wegen der Rente, welche der Oheim Salomo ausgeſetzt hatte für den poetiſchen Neffen. Das Teſtament Karl Heine's, ein wahres Staatsmuſter von Güte und weiſer Fürſorge, hat ſpäter darge⸗ than, daß Heinrich den Charakter ſeines Vetters ganz richtig ge⸗ ſchätzt hatte.

Dennoch hatte der Aufenthalt Heinrich Heine's in Hamburg bis zum Jahre 1830 etwas Unbehagliches für ihn. Seine erſten

Bücher,Buch der Lieder undReiſebilder, hatten ihm wohl

eine pilante Berühmtheit verſchafft, aber dieſe wurde doch viel