Teil eines Werkes 
1. Theil (1828)
Entstehung
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zen den Schmerz ſeines Freundes; doch ſuchte er durch eine gleiche Stimmung, die mit der herrlichen Natur, welche ſie umgab, ſo im Widerſpruche ſtand, ſein erregtes Gefuͤhl nicht noch mehr zum Ausbruche zu reizen.

Du haſt recht, theurer Eduard, nichts iſt ſchmerzlicher, nichts fuͤrchterlicher, als betrogene Lie⸗ be; dein Schmerz iſt gerecht, und wenn ich ihn auch nicht in ſeinem großen umfange empfinde, ſo ſei ver⸗ ſichert, daß ich ihn ganz begreife.

Dieſe Worte, welche Wilhelm troͤſtend und mit ſanfter Stimme zu ſeinem Freunde ſprach, erwaͤrmte die herberen Empfindungen deſſelben und er weinte laut und warf ſich ſchluchzend an deſſen Bruſt. Wilhelm wurde ſo bewegt vom Jammer, den Eduard fuͤhlte, daß ſein Auge uͤberfloß von Thränen, und beide Genoſſen zollten der Natur ihr ſtrenges Opfer. Thraͤnen ſind der Maͤnner nicht unwuͤrdig; die Na⸗ tur gab ſie uns, um der Fuͤlle des Schmerzes oder der Freude, die uns erſticken wuͤrde, einen Ausgang zu verſchaffen, der die Bruſt wieder zu erleichtern und die gepreßten Gefuͤhle zu zertheilen vermag. Noch weilten Beide einige Zeit an dem Abhange des Berges, um die unterſinkende Sonne zu beobachten, deren letzte Stralen die fernen Berge vergoldeten und einen roſig ſchoͤnen Schleier zu beiden Seiten in die Thaͤler warfen: dann eilten ſie hinab in's Thal und nach dem Staͤdtchen, was ſchon einige Tage ihr Aufenthalt war.