Geſichtszuͤge mir nicht ganz unbekannt zu ſeyn ſchie⸗ nen. Doch ſchwebten ſie mir nur vor, wie einſt ſe⸗ lig geträumte Träume. Er ſchloß mich und meine Anna in die Arme, preßte uns an ſein Herz und nannte uns ſeine Kinder. Der vielgeliebte Pfarrer, deſſen Namen ich fuͤhre, nahm darauf das Wort und redete zu uns Beiden mit vieler Ruͤhrung: daß wir nicht ſeine eigenen Kinder waͤren, wie wir bis⸗ her geglaubt, ſondern daß dieſes Mannes Schweſter unſere Mutter ſey, er aber uns nur erzogen habe. „Ihr ſeht in dieſem Manne euren theuren Oheim, den ihr uͤber Alles lieben muͤßt, denn er iſt euer Wohlthaͤter, euer Erhalter, er liebt euch ſo ſehr, als ich. Wir lernten uns auf der Univerſitaͤt zu Goͤttingen kennen und ſchloſſen den innigſten Bund der Freundſchaft, und ob wir gleich ſpater weit von einander lebten, ſo hat doch weder Raum noch Zeit unſere Herzen getrennt. Vor jetzt ſey euch genug dieſes zu wiſſen; in kurzer Zeit ſollt ihr eure Mut⸗ ter ſehen, euren wahren Namen erfahren und uͤber alle Verhaͤltniſſe naͤher unterrichtet werden.“
„Der Tag verging unter froͤhlichen Spielen, aber ich nahm wenig Theil daran, denn das Neue meiner Lage hatte meine Phantaſie ſo ſehr angeregt, daß ich von verwuͤnſchten Prinzen und geraubten Prinzeſſinnen träumte. Ich wäre fuͤr die Welt ver⸗ loren gegangen, wäre mein Aufenthalt nicht einige Monate ſpäter nach Hannover verlegt worden. Mein Oheim hatte uns fruher verlaſſen und uns reichlich


