Teil eines Werkes 
2. Theil (1832)
Entstehung
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kannte ſie dieſelben vollſtändig, und machte ſich ſehr wenig aus dem Lobe, welches die Tochter des Kaiſers unfehlbar mit vollen Händen von den Griechiſchen Höflingen empfangen mußte, wenn es ihr geſiel den⸗ ſelben die Geiſteswerke der Tochter ihres Vaters mit⸗ zutheilen. Aber gegenwärtig ſtand ſie vor einem Richter, deſſen Charakter für ſie neu war, und deſ⸗ ſen Beifall, wenn ſie ihn erhielt, aus einem tiefen und wahren Gefühle kommen mußte, weil er nur durch die Rührung ſeines Geiſtes oder Herzens erlangt werden konnte.

Vielleicht bewirkte es der Einfluß dieſer Gefühle, daß die Prinzeſſinn etwas länger als gewöhnlich in der Rolle ihrer Geſchichte die Stelle ſuchen mußte, womit ſie ihre Vorleſung zu beginnen Willens war. Man bemerkte auch, daß ſie Anfangs mit einer Ver⸗ wirrung und Zaghaftigkeit las, woruͤber ihre edlen Zu⸗ hörer betroffen wurden, da ſie ihre Geiſtesgegenwart ſehr oft vor einem ausgezeichneteren Zuhörer-Kreiſe, und wo ſie ſelbſt ſtrengere Richter fand, bewahrt hatte.

Die Umſtände, worinn ſich der Wäringer befand, konnten ihn nicht gegen dieſen Auftritt gleichgültig laſſen. Freilich hatte Anna Comnena ihr fünftes Lu⸗ ſtrum erreicht, nach welcher Zeit die Schönheit der Griechiſchen Frauen zu verwelken beginnt. Seit wann ſie dieſen entſcheidenden Zeitpunkt zurückgelegt hatte, das war aller Welt unbekannt, mit Ausnahme der in die Geheimniſſe des purpurnen Zimmers eingeweih⸗