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„Und warum,“ ſagte er,„warum wollt Ihr Eure Theilnahme nicht noch ein wenig über dieſe kalten Schran⸗ ken hinausgehen laſſen? Wenn Ihr gut und edel genug ſeyd, zu geſtehen, daß Ihr an dem armen, unwiſſen⸗ den Sünder, der vor Euch ſteht, einiges Intereſſe neh⸗ met, warum nehmt Ihr ihn nicht ſogleich zu Eurem Schüler und Gatten an? Euer Vater wünſcht's, die ganze Stadt erwartet es, die Handſchuhmacher und Schmiede rüſten ſich ſchon zu ihren Luſtbarkeiten, und Ihr, Ihr allein, deren Worte ſo mild und ſanft ſind,
hr verweigert Eure Einwilligung?“
„Heinrich,“ erwiederte Katharina mit leiſer, zittern⸗ der Stimme,„glaubt mir, daß ich es mir zur Pflicht machen würde, den Befehlen meines Vaters zu gehor⸗ chen, wenn ſich dieſer Heirath nicht unüberſteigliche Hinderniſſe entgegenſtellten.“
»Aber beſinnt Euch— beſinnt Euch nur einen An⸗ genblick. Euch gegenüber, die Ihr leſen und ſchreiben könnt, hab' ich freilich wenig anzuführen, um mich gel⸗ tend zu machen. Aber ich höre gerne leſen, und es wird mir immer Freude gewähren, Eure ſanfte Stimme zu vernehmen. Ihr liebt die Muſik, ich habe gellrut, die Harfe zu ſpielen, und zu ſingen, wie andere Min⸗ ſtrel's. Euch macht es Freude, wohlthätig zu ſeyn, ich habe die Mittel, zu geben, ohne Gefahr zu laufen, mich zu entblößen; ich könnte täglich eben ſo viel Al⸗ moſen geben, als ein Deacon ², done daß es mir ſchwer würde. Euer Vater wird alt, und kann nicht mehr arbeiten, wie bisher; er würde bei uns wohnen, denn ich betrachte ihn ganz als meinen Vater. Vor jedem leichtſinnigen Streite würde ich mich ebenſo hüten, wie
*) Deacon bedeutet gewoͤhnlich Diakon, in Schottland aber fuͤhren dieſen Namen auch die Zunftvorſteher. Anm. d. Ueberſ.


