—2
103 4 ſich, anfangs obne ihren Willen, oder ſelbſt ohne ihr Wiſſen, dem armen Ritter vom Leoparden zu, der zur Behauptung ſeines Ranges wenig mehr hat⸗
te, als ſein Schwerdt. Wenn die Lady umher blickte
und horchte, ſah und hoͤrte ſie genug zur Aufmunte⸗
rung einer Vorliebe, die ſie anfangs unbemerkt be⸗
ſchlichen hatte. Wenn eines Ritters perſönliche Schoͤn⸗
heit geprieſen wurde, ſo pflegten ſelbſt die ſproͤdeſten
Damen des kriegeriſchen Hofes von England eine
Ausnahme zu Gunſten des ſchottiſchen Kenneth zu machen, und oft geſchah es, daß ungeachtet der gro⸗ ßen Geſchenke, welche Fuͤrſten und Pairs an die Min
ſtrels verſchwendeten, ein unpartheiiſcher Geiſt der
Unabhaͤngigkeit ſich des Dichters bemaͤchtigte, und
die Harfe dem Edelmuthe eines Kriegers zu Ehren
ertoͤnte, der weder Zelter noch Gewaͤnder fuͤr den ihm
gezollten Beifall ſpenden konnte. Die Augenblicke, in denen ſie die Lobeserhebun⸗
gen ihres Liebhabers anhoͤrte, wurden der hochgebor⸗
nen Edith immer theurer, indem dieſelben ſie von der Schmeicheley, deren ihr Ohr muͤde war, befrey⸗
ten, und ihr einen Gegenſtand geheimer Betrachtung
darboten, welcher, der allgemeinen Meynung zufolge, über alle diejenigen hervorragte, die hinſichtlich des Ranges und der Gaben des Gluͤckes uͤber ihm ſtan⸗ den. Waͤhrend ſich ihre Aufmerkſamkeit beſtaͤndig, doch vorſichtig, auf Kenneth richtete, verſicherte ſie ſich immer mehr von ſeiner perſoͤnlichen Anhaͤnglichkeit


