Teil eines Werkes 
2. Band (1866)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

5

Grund, welchen ſie ihrem Bruder entgegenſtellen konnte, wäre derjenige geweſen, daß ſie bereits mit Paul Om⸗ brazowitſch verſprochen ſei. Und wie konnte ſie das? O bittere Qual, den Schmerz, der uns ſo ſüß dünkt, wenn wir ihn Andern anthun, auf uns ſelbſt zurück⸗ fallen zu ſehen! Wenn der Major mit ihr geſpielt, wie ſie mit Daniel, und jetzt mit der ihm eigenen Gewandt⸗ heit einen Vorwand gebrauchte, um ſich zurückzuziehen? Ihre Lippen preßten ſich zuſammen bei dieſem Gedan⸗ ken, und in ihrem Innern ſchwur ſie dann beiden Rache, Daniel und dem Major. Endlich aber wurde ſie etwas ruhiger. Ihr Stolz ſiegte. Sie wollte dem Major mittheilen, was ihr drohte, aber nichts ſollte verrathen, was ſie für ihn empfinde. Zog er ſich zurück— gut, ſo wurde ſie Daniel's Gattin. Sie war ja nicht die erſte, die ein ſolches Opfer brachte. Sie ſchrieb einige Worte auf ein kleines Stück Papier:„Auf der Terraſſe— unter meinem Fenſter!“

Eine Dienerin kam, um ihr zu melden, daß ſervirt ſei. Sie warf einen Blick in den Spiegel, erſchrak über ihr finſteres, drohendes Geſicht und brach dann in ein leich⸗ tes Lachen aus.

„Du wirſt Dich nicht freuen, Daniel, wenn ich Deine Frau werde!“ flüſterte ſie vor ſich hin und ging dann gefaßt nach dem Eßſaal. Dort traf ſie ihren Bru⸗