Teil eines Werkes 
2. Band (1820) Leben und Dichtung in Erzählungen / von Friederike Lohmann
Entstehung
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mich mit einem traurigen Blick forſchend an;

ich las ſeine ganze Seele in den auf mich ge⸗ richteten Augen. Er ſagte dann, daß er nach Leipzig zu ſtehen kaͤme, wo ſein Aufenthalt laͤngere Zeit dauern koͤnne, und bat die Tante um Erlaubniß, uns zuweilen zu beſuchen. Das war ein Troſt, und die Tante gewaͤhrte ſeine Bitte gern. Doch ſchloß ich dieſe Nacht kein Auge, und dachte immer an ihn und die Trennung. Nach einem kurzen Fruͤhſtuͤck kam ſein Pferd, er ſagte uns geruͤhrt Lebe⸗ wohl; als er meine Hand ergriff, ſie zu kuͤſ⸗ ſen, fuͤhlte ich ein kleines Papier in dieſelbe gleiten, und ehe ich mich noch beſann, war ſein Pferd mit ihm davon geſprengt. Ach nun war alles ſo leer! Ich wollte gleich auf mein Zimmer, zu ſehen was das Briefchen enthielt, aber die Tante ließ mich nicht weg, ich mußte ihr bei einem Geſchaͤft helfen, und gerade heute, da ich gar keine Luſt hatte zu hoͤren, war ſie geſpraͤchiger, als je. Dazu war mir immer, als muͤſſe ſie mir es anſe⸗ hen, was ich verbarg, und ich wagte nicht, ihrem Auge zu begegnen. So ging es bis nach Tiſche, wo ihr Mittagsſchlaf mir Zeit ließ, mein Papier zu entfalten, und mit ſtil⸗ ler Seligkeit zu leſen.

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