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Der Montenegriner oder Christenleiden in der Türkei : Roman / von Heinrich Ritten von Levitschnigg
Entstehung
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timi, Verbrüderte. Auch Mädchen verbinden ſich alſo innig. Natür⸗ lich, daß die Waffen dabei aus dem Spiele bleiben. Dieſer Mädchen⸗

bund führt den Namen Posestrmstwo, Verſchweſterung, die Freun⸗

dinnen werden Posestrimi, Verſchweſterte genannt. Endlich gibt oder gab es doch wenigſtens auf der ſüdſlaviſchen Halbinſel ein poetiſches Freundthum Drugina zwiſchen Mann und Weib ohne Beimiſchung ſinnlicher Leidenſchaft. Wenigſtens lieſt man in der ſerbiſchen Geſchichte von berühmten Prinzen und Helden, welche ſich in rein platoniſcher Liebe zur zärtlichſten gegenſeitigen Aufopfe⸗ rung mit ſchönen und gefeierten Frauen verſchwiſtert zu haben ſcheinen.

Eine ſolche Verſchwiſterung ſollte an jenem Morgen ſtattfinden.

Die kleine Kirche von Cetinje, darin ſich der an die Grabmale der ruſſiſchen Kaiſer in Moskau mahnende Sarkophag des heilig geſprochenen Wladiken Peter Petrowitſch des Erſten befindet, war feſtlich beleuchtet; als Prachtſtück dieſer Beleuchtung ſtanden am Boden der Kirche vor dem Altare zwei hohe meſſingene Kandelaber, die wie Weihnachtsbäume mit Lichtern beſteckt waren, in der Mitte nämlich eine baumſtarke lange, vergoldete und bemalte Wachskerze, oben darauf geklebt und darunter geſetzt viele dünne und kleine Wachslichter. Das Iconostas oder die Bilderpforte vor dem Altare ſchien faſt mit Guirlanden überladen, was natürlich den Anblick der aus geſchnitzten Holzſtückchen zuſammengeſetzten drei Pforten wie ihrer Architrave noch prachtvoller geſtaltete. Namentlich prangten das zaariſche oder königliche Mittelthor wie die auf dem Rande des Ganzen befindlichen drei Kreuze mit ihren eben ſo vielen aus Holz geſchnittenen Tauben in aller Herrlichkeit des Lenzes. Auch die zwei Oelbilder, Chriſtus und die Gottesgebärerin Bogorodiza an den hölzernen Zwiſchenpforten, wie die ſchwarzgefärbte Decke des erwähnten Sarkophages mit dem Chriſtusbilde und Kreuze waren mit duftigen Blumen wie überſäet. Man hatte die Kinder des Frühlings aus einem Treibhauſe zu Cattaro bezogen.

Die Stunde zur Weihe der Drugina ſchlug.

Der Archimandrit, der in dem Kloſter Oſtrok wohnte, der nächſte Gewalthaber nach dem Wladika von Montenegro, hatte ſich in deſſen Abweſenheit freiwillig zu dieſer Weihe angetragen. Der ehrwürdige Hirt des Herrn in ſeinem prachtvollen Ornate, inglei⸗ chen zwei Chorknaben, gleichfalls in kirchliche Feſtgewande gehüllt, erwarteten die künftigen Geſchwiſter an den Stufen des Altares.