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Der Montenegriner oder Christenleiden in der Türkei : Roman / von Heinrich Ritten von Levitschnigg
Entstehung
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auch entſtellte Haupt des Paſcha Juſſuw hoch in den Lüften! Jetzt erſt galt Lascaris nach den montenegriniſchen Begriffen von Chre als Krieger ohne Furcht und Tadel. Die Blutrache war vollſtändig geübt worden. Das bleiche Haupt ging von Hand zu Hand, bald auch ſtach es, auf eine Stange geſteckt, im Kranze von Todten⸗ ſchädeln auf dem Wartthurm der alten Kloſterveſte gegen das tiefe, von dem Mondlicht verklärten Blau des Himmels häßlich und ſchauerlich ab.

Abends hielten Lascaris und Meliſſa eine geheime Unter⸗ redung.

Am Oſterdienſtag und zwar am frühen Morgen begaben ſich die Bewohner von Cetinje auf den Kirchhof. Jede Familie kam mit einer genealogiſchen Tafel, die von Geſchlecht zu Geſchlecht über⸗ gegangen war und darauf die Namen ſämmtlicher Vorfahren ein⸗ getragen ſtanden. Sie hat viele Aehnlichkeit mit den Dyptiken der lateiniſchen und griechiſchen Katakomben. Ueber den Gräbern zün⸗ dete man Wachskerzen oder andere Lichter an und brachte den Tag mit Gebeten für die Seelen der Abgeſchiedenen zu. Auch ſorgte man für ihr Andenken auf Erden, mit lauter Stimme preiſend, was ſie im Leben Gutes und Schönes gethan; endlich ſuchte man, um ihr edles Blut zu verewigen, in würdige Verwandtſchaft zu gelangen und ſchloß daher Hochzeiten und Verbrüderungen.

Es iſt was Eigenthümliches um dieſe Verbrüderung oder Ver⸗ ſchwiſterung!

Die Ceremonien hiebei mahnen an die Sitten der Szythen, wie ſie die Alten beſchrieben. Wenn es von den Erſtern heißt, daß ſie den Bund der Freundſchaft mit dem heiligſten der Eide beſiegel⸗ ten, und dabei ihre Dolche in einen Becher tauchten, darein ſie einige

Tropfen ihres Blutes hatten laufen laſſen, ſo beſteht dies bei den Südſlaven noch heutigen Tages, und legt man auch bei ihnen eine feierliche Betheuerung, für einander leben und ſterben zu wollen, vor dem Prieſter in der Kirche ab, und läßt dabei ſeine mitgenom⸗ menen Waffen weihen. Nur das Blutvergießen iſt hinweggefallen. Auch hier kennt man keine größere Schmach als Verrath an der be⸗ ſchworenen Freundſchaft, ja man glaubt, daß dies ein Unglück oder eine Strafe des Himmels für die Gegend oder das Dorf bedeute, wo ſich derſelbe zutrage. Gewöhnlich geloben ſich nur Männer dieſe heilige Freundſchaft und ſchließen einen Waffenbund ab, Pobra- timstwo, Verbrüderung genannt. Die Freunde ſelbſt heißen Pobra-