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Der Montenegriner oder Christenleiden in der Türkei : Roman / von Heinrich Ritten von Levitschnigg
Entstehung
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ſchwören. Die Flüchtlinge pflegten am letztgenannten Tage der Raſt, weshalb wir auch der fraglichen Oſterfeier nur mit wenigen allge⸗ meinen Worten erwähnten.

Am Oſtermontag zählten jedoch Lascaris und die Seinen vor⸗ zugsweiſe zu den handelnden Perſonen.

Jener alte erſchöpfte Haiduke, der ſich nicht mehr im Sattel erhalten konnte und daher auf einer Tragbahre von Dorf zu Dorf bis nach Cetinje geſchafft worden war, ſtarb nämlich in der vergan⸗ genen Nacht an ſeinen zahlloſen Wunden. Da er zu dem Stolz und der Blüthe der bosniſchen Kriegerſchaft gehörte, ſo beſchloſſen die Montenegriner ſein Leichenbegängniß nach Möglichkeit feierlich zu begehen. Der Todte ward zuerſt gebadet, dann nochmals ſorgfältig gewaſchen. Seine Kampfgefährten beſorgten dieſen letzten Liebes⸗ dienſt; darauf ward er mit den wenigen Blumen, die man bei der frühen Jahreszeit auftreiben konnte, geſchmückt und zur Schau aus⸗ geſtellt. Herrliche Gewande, koſtbare Waffen, alles eine Gabe der gaſtfreien Bergbewohner, lagen an der Bahre der Leiche im Kreiſe umher. Gewöhnlich wird in Montenegro der mit einem Stück Lein⸗ wand bedeckte Kadaver nur auf ein einfaches Brett gelegt, worauf man zwei andere Bretter über ihm ſo zuſammenſtellt, daß ſie mit dem untern ein Dreieck bilden. Hier aber hatte man es ſich eine zierlich gezimmerte Todtentruhe, einen netten Sarg koſten laſſen. Zur Stunde der Leichenfeier verließen alle Aclteſten der Häuſer in Cetinje und der Umgebung ihre Wohnſtube und beeilten ſich an dem Begräbniſſe und den dabei üblichen Feierlichkeiten Theil zu nehmen. Man drängte ſich um ſo mehr hinzu, als es auf die FrageVon wem? von wem nänlich iſt er umgebracht worden? nicht heißen konnteOd boga, od starog krvnika von Gott, dem alten Mörder, da der tapfere Haiduke, wie bereits geſagt, an ſeinen im ehrlichen Kampfe erhaltenen Wunden verſtorben war. Die Südſlaven halten nämlich wie weiland die alten Skandinavier einen natürlichen Tod, der mit der obigen Antwort bezeichnet wird, für eine Art Schmach. Glorreich iſt nur das Sterben mit den Waffen in der Hand.

In der Locanda, wo die Leiche lag, wurden die einſprechenden Trauergäſte ſämmtlich mit Wein und Branntwein bewirthet, und von Lascaris wie von den übrigen leidtragenden Haiduken öfters zum Trinken aufgefordert,damit morgen nicht etwa einer ſage, er habe nicht genug gehabt. Meliſſa und ein paar Montenegrinerinen,

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