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Der Montenegriner oder Christenleiden in der Türkei : Roman / von Heinrich Ritten von Levitschnigg
Entstehung
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einer ſo glänzenden Stellung an geheimen Feinden nicht fehlen konnte.

NRiswan hatte ſeiner ſchönen Tochter eine weit ſorgfältigere Erziehung angedeihen laſſen, als man ſie in den bosniſchen Gauen ſeit der leidigen Türkenherrſchaft zu treffen gewohnt iſt. Die Roſe von Serajevo war auch nicht daſelbſt, ſondern bei einer verwandten gräflichen Familie, die in der Grafenſtadt Cattaro hauſte, erzogen. Wir ſagten Grafenſtadt, denn in Cattaro hieß und heißt alles Conte, was weiland unter der venetianiſchen Herrſchaft in das goldne Buch der Republik an den Lagunen eingetragen worden. Der Adel war überhaupt in den Ländern Bosnien, Herzogewina, Dalmatien und Montenegro immer ſehr zahlreich und nebſtbei meiſt unter ſich verzweigt und verwandt. Er behielt in den erſtgenannten beiden Ländern auch nach dem Uebertritt zum Islam ſeinen Titel bei, blieb aber ſo ungebildet wie die Raubritter im Mittelalter, ſo daß zum Beiſpiele der Beg oder Graf Ali Perniata zu Trebigne in der Herzogewina, dem mehrere Quadratmeilen Ländereien gehören, weder leſen noch ſchreiben kann, was ihn jedoch nicht verhindert, demungeachtet Mollah oder Advokat zu ſein. Der dalmatiniſche Adel ſteht daher auf einer Bildungsſtufe, die ſich zu jener ſeiner jenſei⸗ tigen muhamedaniſchen Waffengenoſſen etwa verhält wie der Tſchim⸗ boraſſo zu den Sandhügeln der Lüneburger Haide. Auch Gülnaren's Erziehung ließ daher nichts zu wünſchen übrig. Die weiße Roſe wäre ſelbſt in einem weſtländiſchen Salon der Créme nicht vornehm überſehen worden.

Doch weiter in unſerm Romane!

Belauſchen wir das Zwiegeſpräch, das Gülnare mit einer anmuthigen, kleinen, elaſtiſchen Dame führt, die an die Lorette mit den weißen Kamelien erinnern würde, lauerte es nicht zuweilen wie eine Schlange in ihrem Blicke, wieſen die Züge nicht zeitweiſe jenen, wir möchten ſagen, ſteinernen Ausdruck, der einen gleich hochmüthi⸗ gen als ſtarrſinnigen Geiſt verräth. Es war Leila, die Nachbarin und Buſenfreundin der weißen Roſe, die Tochter des Defterdar oder Generaleinnehmers in Bosnien. Auch die Familie des Defterdar zählte zu den adeligen Geſchlechtern Bosniens. Ihre Glieder wuß⸗ ten ſich ungemein ſchlau in die ſchwierige muhamedaniſche Neuge⸗ ſtaltung der Dinge zu finden, ſo daß man nie recht wußte, ob ſie in Wahrheit zu dem Islam übertraten oder im Stillen noch geheime Chriſten ſeien.