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Der Montenegriner oder Christenleiden in der Türkei : Roman / von Heinrich Ritten von Levitschnigg
Entstehung
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Wehmuth durch das gebieteriſche Antlitz, und um die Mundwinkel liegt und zuckt es dann elegiſch wie die Klage einer Liebe, die ſich erſt hinter den Gräbern ein Stelldichein geben durfte. Läßt ſich dieſes reizende Räthſel durchaus nicht löſen?

Was beſagt jenes Gemälde an der Wand?

Ein Trauerflor verhüllt es. Es ſcheint ein Heiligenbild zu ſein? Allerdings! Was ſtellt es denn vor? Chriſtus am Oelberge! Was ſoll aber der ſchwarze Flor? Ja, ich verſtehe! Wir traten in ein adeliges bosniſches Haus, deſſen Eigenthümer das Kreuz nie mit dem Halbmond vertauſchen wollten, obgleich faſt alle ihre Waffen⸗ brüder, wie wir im nächſten Kapitel hören werden, aus Angſt um ihren Purpur, ſich abtrünnig zu dieſem Abfalle verſtanden. So war es auch! Die Hauptlinie des alten Geſchlechtes, von welchem Ris⸗ wan, der Vater der weißen Roſe abſtammte, war zwar, obgleich ſie ihren Stammbaum bis zu Nemagna, dem Stifter des weiland ſo großen, die Herzogewina ſeine Wiege nennenden ſerbiſchen Reiches hinaufleitete, zu dem Islam übergetreten, um die Güter des Hauſes zu retten; die Nebenlinie hielt jedoch an dem Erlöſer feſt, hatte zwar viele harte Kämpfe und bittere Anfechtungen zu beſtehen, wand ſich aber, Dank der Hilfe ihrer mächtigen muhamedaniſchen Ver⸗ wandtſchaft, durch alle dieſe Hemmniſſe fieghaft wie die Zwergeiche

durch, deren Wurzeln zuletzt Felſen ſprengen. Riswan war früh in die Welt hinausgezogen und hielt ſich in den Dienſten einer aus⸗ wärtigen Großmacht ſo wacker und mannhaft, daß er ſpäter nicht blos als einfacher Konſul, ſondern als eine Art Reſident derſelben nach Bosna Serai zurückkehrte. Dank dieſer ſeiner Stellung, wie einer ſehr kategoriſchen Note jener Großmacht, in deren diplomati⸗ ſchem Kabinet mitunter, wie der Volkswitz behauptete, der Divan des türkiſchen Großherrn zu ſtehen ſchien, blieb das Erbrecht, als die Hauptlinie ausſtarb, zu Gunſten des Vaters Gülnaren's auf⸗ recht erhalten, und dieſer ſpielte nunmehr als bosniſcher Großer, Reſident und Chodſcha Baſchi eine gewichtige, hervorragende Rolle. In jedem Liva, wie man die Unterabtheilung eines Paſchaliks nennt, beſteht nämlich eine Art Munizipalität, Medſchlis benamſet, in welcher der jeweilige Statthalter präſidirt. Die übrigen Mitglieder ſind der Mal Müdiri, der Steuereinnehmer, dann der griechiſche Patriarch, ferner der Chodſcha Baſchi oder Delegirte der chriſtlichen Munizipalität, endlich die Vüdſchuh oder Primaten, welche von den Bewohnern des Liva gewählt werden⸗ Natürlich, daß es bei