14
geknüpft, daß man von dem Antlitz nichts als die weiße Naſe und die blitzenden Augen wahrnehmen kann. Zudem wird die ganze Ge⸗ ſtalt von dem neidiſchen Feredſchi, einem langen weiten Mantel oder Domino alſo umhüllt, daß man glauben möchte, man ſehe eine Maske oder ein Geſpenſt vor ſich hinſchweben. Wollt ihr die Schön⸗ heit wirklich von Angeſicht zu Angeſicht ſchauen, ſo müßt ihr euch in den Harem, in die Frauengemächer ſtehlen, und dahin gedenken wir euch auch als unſichtbarer Kundſchafter zu geleiten. Folgt uns in das Innere jenes ſtattlichen Hauſes, das faſt an ein abendländiſches Palais erinnert!
Belauſchen wir ſeine Herrin in ihrem Allerheiligſten!
Dort herrſcht morgenländiſche Pracht. Die Wände ſind mit weißem und rothem Seidenſtoffe ausgeſchlagen, das Gemach gleicht einem Zelte, ſchwere blaue Vorhänge wallen an den Fenſtern. Son⸗ derbar, das ſind keineswegs die türkiſchen Farben! Und doch gibt es hier ſo manches, das unwillkürlich an den kriegeriſchen Geiſt der Anhänger des arabiſchen Propheten mahnt. Da zeigt ſich ja zier⸗ liches Gewaffen, das freilich zu keinem blutigen Gebrauche beſtimmt ſcheint, trägt es doch die hundert geheimnißvollen Dinge, ſo unzer trennlich von einer weiblichen Toilette. Iskender am Rocken einer Lais! Ja, der Kriegsgott war immer der nächſte und liebſte Nach bar der Schönheit!
Sind wir in das Lager einer Amazonenkönigin gerathen?
Faſt will es uns ſo bedünken! Eine hohe ſchlanke Geſtalt, keine Spur von der bekannten morgenländiſchen Beleibtheit, Majeſtät in jedem Zuge des ſchönen, etwas bleichen Geſichtes, die zwei Roſen ausgenommen, die auf ſeinen Lippen liegen. Roſige Lippen? So iſt es! Und doch pflegt dieſer feingeſchnittene Mund zuweilen Hand⸗ ſchars zu ſprechen, und das nächtige Auge der Herrin blitzt wie ein ſcharfgeſchliffener Dolch. So zeigt ſich kein blumiges Weib, das keinen weiteren Beruf kennt. als ſchön zu ſein und zu lieben. Hier hauſt der Geiſt, der weiland durch die Maina ging, hier weht die Luft, welche durch Cſernagora— Montenegro— zieht! Hier ſchal⸗ tet und waltet eine Schweſter des Löwen, wie ein Morgenländer ſagen würde! Trotzdem hatte die Volksſtimme der Schönen den Namen Gülnare gegeben, und obgleich ſie eigentlich Ivka, zu deutſch Johanna hieß, ſo wurde ſie doch nie anders genannt, als die weiße Roſe von Serajevo. In Wahrheit wies Gülnare mehr von der Natur der Schwertlilie. Zuweilen nur fliegt es wie unſägliche


