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Der Montenegriner oder Christenleiden in der Türkei : Roman / von Heinrich Ritten von Levitschnigg
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Andächtige, an dem Serail oder dem von Sultan Mahomed dem Zweiten erbauten Palaſte wurden die Nachtpoſten aufgeführt, in den Badehäuſern ward es ruhiger und ſtiller; dagegen gewannen die Kaffeeſtuben und Khan's Herbergen trotz ihres armſeligen Zuſtandes an regem Leben, eine Maſſe von Spaziergängern wogte über die vielen Brücken und Stege, von welchen beſonders die größte der erſteren rühmende Erwähnung verdient, auch fehlte es nicht an reich geſchmückten Reitern auf herrlichen Rennern. Bosna Serai iſt nämlich der Sitz der vornehmſten erblichen Hauptleute und Kneſen, obgleich der jeweilige Paſcha von drei Roßſchweifen, der in dieſem Ejaleth oder Paſchalik der Türkei gebietet, in Travnik zu hauſen pflegt. Das luſtige Getümmel ward jedoch hie und da durch das ſchmerzliche Wehklagen irgend eines Fleiſchers, der mit den Ohren an den eigenen Laden genagelt wurde, oder eines Bäckers, der die Baſtonade erhielt, eben nicht wohlklingend unterbrochen. Die Polizei iſt ja ſehr ſtrenge und wacht, daß den Armen die nothwen⸗ digſten Lebensmittel nicht vertheuert werden, daß das Publikum durch den Unterſchleif der Verkäufer nicht zu Schaden kommt.

Das emſige wie müßige Treiben im ſtädtiſchen Weichbilde er hielt durch die verſchiedenen Koſtumes der Türken, Bosniaken, Armenier, Griechen, Serben, Dalmatiner, Montenegriner, Juden und Zigeuner, die ſich hier wie in allen türkiſchen Städten zu einem wahren Chaos mengten, einen noch bunteren Anſtrich, zumal da faſt alle der genannten Volksſtämme, ſelbſt wenn ſie ſich wie die Osmanlis kleiden, etwas von ihrer urſprünglichen Landestracht beizubehalten pflegen. Trotz dieſes Getümmels und Farbenwechſels ſcheint der Anblick einen Fremden doch nicht ganz zu befriedigen, es fehlt ihm etwas, und wir werden es auch gleich benennen, was das Auge des Touriſten ſo verlangend ſucht. Die ſchönere Hälfte des Menſchen⸗ geſchlechtes! Arme Chriſtenweiber in armſeliger Bekleidung drängen ſich freilich durch das Gewoge der Kaufleute, Krämer, Ausrufer, Spaziergänger und Reiter, aber die elegante Frauenwelt will ſich nicht zeigen, da die höheren Stände in Bosnien faſt durchſchnittlich zum Koran ſchwuren, und ihre Töchter daher nach türkiſcher Sitte eben ſo viele Bäume der Erkenntniß abgeben, deren Früchte oder Reize um ſo mehr verlocken, als ſie verborgen und verboten ſind. Nur ſelten erſcheint ein muhamedaniſches hübſches Kind auf der Straße, aber der über das Geſicht herabgelaſſene Nachmak, ein Schleier aus weißem Mouſſelin, wird unter dem Kinne derart feſt⸗