Teil eines Werkes 
1. bis 5. Stück (1846)
Entstehung
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An einem milden Abend, ſpät im Herbſt eines Jah⸗ res gegen Ende des letzten Jahrhunderts, ging gerade die Sonne unter, als ſich ein einſamer Reiſender auf einen der großen Steine neben der Straße niederſetzte; er legte Flinte und Jagdtaſche ab, ſtreckte ſich nachläßig in ſeiner ganzen Länge aus und ſchien ſich an der leichten Luft, die das Thal heraufkam, zu erlaben.

Er war ein junger Mann von ſtarkem Körperbau; ſeine rüſtige Geſtalt und kräftige Glieder zeigten, wie ſehr Gewohnheit und Uebung dazu beigetragen hatten, das Erklettern der ſteilſten Bergpfade zu einer leichten Aufgabe für ihn zu machen. Er hatte kaum mehr als mittlere Größe, aber eine ungeheuer breite Bruſt und jenen vierſchrötigen Gliederbau, der bedeutende Körper⸗ ſtärke verräth; ſein Geſicht war, abgeſehen von einem Blicke gänzlicher Gleichgültigkeit und Leerheit angenehm; die Augen waren groß und voll, und von jenem tiefen Grau, das ins Blaue ſpielt; die Naſe groß und wohl⸗ gebildet; der Mund allein war widerwärtig hatte einen Ausdruck von übler Laune und Unzufriedenheit, und dieſer Charakter ſchien ſo gewöhnlich, daß auch jetzt, wo er ſo allein und in ſolcher Einöde ſaß, das Kraͤu⸗ ſeln der Oberlippe ſeine Natur verrieth.

Sein Anzug beſtand aus einer Jagd⸗Jacke von grobem Zeug, durchnäßt von manchem Berggewäſſer; aus weiten Hoſen von grauem Tuche, ſchweren Schuhen wie ſie das Landvolk trägt, wo dergleichen Lurus⸗ artikel überhaupt zu haben ſind. Auf den erſten Anblick wäre es ſchwierig geweſen, zu beſtimmen, welcher Klaſſe, welchem Stande er angehöre. Denn wenn auch gewiſſe Züge eine Perſon von angeſehenem Rang verriethen,

ſo widerſprach doch dieſer Annahme die allgemein ſicht⸗

bare Vernachlaͤßigung ſeines Aeußeren.

Er lag einige Zeit gänzlich regungslos dort, als ſich plötzlich aus einiger Entfernung vom Thale herauf Pferdegetrampel vernehmen ließ, das ihn aus ſeiner an⸗

2 ſcheinenden Gleichgültigkeit weckte; er ſtützte ſich auf den

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