Teil eines Werkes 
1. bis 5. Stück (1846)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

8

hinunter zu ſtroͤmen; ſein dumpfes Getöſe iſt der einzige Laut, der in dem Bergſchlund wiederhallt.

Selbſt da, wo man das beſcheidene Dach einer verlaſſenen Hütte ſieht, wird durch dieſen Anblick das Gefühl von Einſamkeit mehr erhöht, als vermindert. Der Gedanke an Armuth, die ungeſehen und unbekannt ihre Entbehrungen erträgt, ohne daß ein Auge ihr Rin⸗ gen bemerkt, ohne daß ein Herz ihren Kummer lindert, beſchleicht traurig die Seele, und man iſt neugierig, was für ein Menſchenkind wohl ſeine Wohnung in ſolcher Einöde aufgeſchlagen hat.

Vergebens ſchweift das Auge umher, um ein ein⸗ ziges, menſchliches Weſen zu erſpähen, es müßte denn jener dunkle Fleck ein ſolches ſeyn, der die Klippe krönt, und deſſen Umriſſe am klaren Himmel dahinter hervortraten. Ja, es iſt ein Kind, das die den Berg entlang weiden⸗ den Ziegen hütet, und während man hinblickt, wird es in den vorüberſtreichenden Nebel gehüllt. Trauriges, düſteres Leben! Welche trübe Gedanken müſſen die Ge⸗ fährten eines Geſchöpfes ſeyn, das den lieben langen Tag auf dieſen wilden Haiden zubringt, das Auge auf der ſpurloſen Wüſte ruhend, wo kein Mitgeſchöpf ſich regt! wie mancher düſtere Traum wird über ſeine Seele fahren! wie mancher ſchauerliche Aberglaube wird ſeine Einbildungskraft beſchleichen, den flüchtigen Wolken Form und Geſtalt geben, und die dunklen, vorüberſtreichenden Schnl als lebendige, weſenhafte Dinge erſcheinen

aſſen! Armes Kind des Kummers! Wie hat Dich das Geſchick dem Elend geweiht! Für Dich gibt es keine kindiſchen Sprünge im Sonnenſchein keinen munteren Geſpielen kein Plätſchern im rinnenden Bach, der ſich glänzend und ſchimmernd gleich der glücklichen Kind⸗ heit dahin ſtiehlt keine knoſpende Ahnung einer ſchö⸗ nen, fröhlichen Welt; nein, alles iſt eine traurige Wuſte, die Verdrießlichkeit des Alters, vermiſcht mit den Schrecken der Kindheit.