Erſtes Kapitel. Glenflesk.
In jenem wilden, maleriſchen Thale, das ſich zwi⸗ ſchen der Stadt Macroom und der Bantry⸗Bucht hin⸗ windet, und unter dem Namen Glenflesk bekannt iſt, entfaltet ſich der Charakter iriſcher Landſchaft vielleicht vollkommener, als in irgend einem andern Striche von gleicher Ausdehnung auf der Inſel. Die Berge, rauh und ſchroff, ſind äußerſt phantaſtiſch in ihren Umriſſen; ihre Wände bilden eine aus Granit und Graswuchs ge⸗ miſchte Maſſe, wo das dunkelſte Grün und das Pur⸗ purroth der Haide⸗Blume harmoniſch in einander ver⸗ ſchmelzen. In der Tiefe bietet das bald weiter, bald enger werdende Thal eine einzige, reiche Wieſe dar, be⸗ waͤſſert von einem tiefen, reißenden Strom, der von tauſend Bächen genährt wird, welche taumelnd und dam⸗ pfend über die Bergwände hinabſtürzen und dem Wan⸗ derer als weiße Streifen erſcheinen, welche die dunkle Oberfläche des Abgrunds bezeichnen. Meilenweit in dieſem einſamen Thale ſieht man kaum eine Hütte, und könnte man nicht da und dort eine Heerde von Rindvieh oder Schafen entdecken, ſo würde es ſcheinen, als wäre der Ort von den Menſchen vergeſſen, und in ſeiner düſtern Einſamkeit dem Schlummer überlaſſen. Der Fluß ſelbſt hat einen Charakter von eigenthümlicher Wildheit— bald braust er über rauhe Felſen, bald ſchäumt er zwiſchen hohen, engen, ſteilen Wänden, bald fließt er, ohne auf der Oberfläche ſich zu kräuſeln, über eine Granit⸗Schicht, alsdann ſtürzt er ſich wüthend in einen ſinſtern Abgrund, um wieder emporzutauchen, und in einer wilden Flut von Dampf und Schaum das Thal
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