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Freundes, den er mit ſo viel Liebe an ſich gezogen hatte. Er ſah es nicht für Schwäche des Charakters, ſondern für ein Merkmal vielſeitigen, aber noch unentſchiedenen Geiſtes an, der für alle Gegenſätze und Richtungen des Lebens empfänglich, nach und nach Alles in ſich aufnimmt, es in ernſten Stunden prüfend zuſammenhält, in heiteren eines durch das andere verdrängt. Forſter hatte das Vertrauen zu dem edeln Sinn des jungen Freundes, daß er ſchon das Rechte ergreifen werde, wenn der Augenblick eine That verlange, oder ein höheres Verhängniß den Schwankenden mit ſich fortreiße.
Ueberdies zerſtreute den Baron manches Andere. Die Berathungen und vorbereitenden Arbeiten im Kabinet zo⸗ gen ſeine Aufmerkſamkeit auf die bevorſtehende Kaiſerkrö⸗ nung. Bei der Krönung Leopold's, vor anderthalb Jah⸗ ren, war er in Göttingen ziemlich gleichgiltig geblieben, und hatte wacker mitgeſungen, wenn die Studenten Spott⸗ lieder auf den Papſt und Kaiſer anſtimmten. Jetzt war es anders. Ein neuer Einblick in das Staatsleben, die prunkhaften Feierlichkeiten einer ſo bedeutſamen Staats⸗ action, ja manche ahnungsvollen oder ausgeſprengten Ge⸗ rüchte, die im Volk umliefen, daß es die letzte Kaiſerkrö⸗ nung ſein werde, regten ihn mächtig auf. Er ſah, welche bedeutende Rolle bei dieſem großen politiſchen Schauſpiele ſeinem fürſtlichen Herrn durch die Reichsverfaſſung zuge⸗ theilt war.— Die Abſendung der Wahlbotſchafter hatte ſich verzögert, weil der Kurfürſt unwohl geworden, oder weil er, wie es ſchien, über die Männer nicht einig mit ſich werden konnte, denen er, mit dem größten Vortheil für ſeine geheimen Abſichten, dieſe vielbegehrte Ehre über⸗


