Teil eines Werkes 
Bd. 4König Jerôme's Carneval : geschichtlicher Roman ; in drei Theilen : Th. 3 (1855)
Entstehung
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ſich im Seſſel nieder. Da haben wir das Geheimniß der Einſiedlerin, der Geſellſchaftsverſchmäherin!

Er faßte Lina, die vor ihm ſtand, bei der Hand, und ſagte im Tone milder Theilnahme:

Da iſt dir, liebe Lina, eine unerwartete Frucht vom Baume der Erkenntniß zugefallen. Und damit dir über den Baum ſelbſt kein Zweifel übrigbleibe, hat ſich hier unten an ſeiner Wurzel Marinville geringelt.

Aber, wie in aller Welt denkſt du dir nur, lieber Mann, daß ſolch' ein Blatt in Hermann's Taſche gekom⸗ men ſein könnte?

Das iſt es eben, Lina! Freilich, wie? Der Baum wirft auch einen Schatten, einen tiefen Schatten.

Ach, einen giftigen Schatten, Ludwig! rief ſie, von wiederkehrendem Leid ergriffen. O, was hab' ich dieſe Stunden gelitten!

Gelitten haſt du, mein Herz? erwiderte er, auch ihre zweite Hand faſſend.

Nun, Ludwig, befremdet dich das? Findeſt du's nicht begreiflich, wenn unſer Hermann?.

Sie verſtummte, unter Ludwig's mildem Lächeln er⸗ röthend, und Ludwig fuhr mit eindringlichem Blicke lei⸗ ſer fort:

O ja, ich find' es begreiflich, Lina, es befremdet mich nicht: Du liebſt Hermann!

Lina zuckte zuſammen, erblaßte einen Augenblick, dann in träumendem Nachdenken, mit dem Elnbogen auf ſeine Knie niederkauernd, ſagte ſie, die glänzenden Augen voll zu ihm emporgerichtet:

Ja, Ludwig, vor dieſem ſchmachvollen Betrug, den

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