Teil eines Werkes 
Bd. 4König Jerôme's Carneval : geschichtlicher Roman ; in drei Theilen : Th. 3 (1855)
Entstehung
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gekommen, daß er mit dem erſten Blick ihr verſtortes Weſen bemerkte.

Nun? ſagte er etwas beunruhigt. Ich ſehe, du warſt dort, und ich vermuthe nichts Erfreuliches, Lina?

Und während ſie ihn lächelnd anſah, ſtumm, weil eine unausſprechliche Zufriedenheit über ſie kam, fuhr er fort:

Ich will nicht hoffen, Lina, daß dir ſelbſt etwas Un⸗ angenehmes gemacht worden ſei? Du ſiehſt mich ſo eigens an. Nun?

Ludwig's Erſcheinung wirkte ſo wohlthuend auf ſie, daß ſie ſich einige Augenblicke dieſer Empfindung über⸗ ließ. Er erſchien ihr wie eine hülfreiche Macht. Es ward ihr zu Muth, als hätte ſie ſich auf einmal ſelbſt wieder⸗ gefunden, oder in einer Wildniß unter reißenden Thieren käme ihr ein Erretter entgegen. Eine wunderbare Heiter⸗ keit breitete ſich über ihr bewegtes Angeſicht, als ſie ſich an ſeine Bruſt warf.

Ich war nicht dort, ſagte ſie leiſe und geheimnißvoll; dennoch habe ich wie du geſagt das Beſte nicht an ihr gefunden, lieber Ludwig. Nicht wahr, ein Räth ſel? Ja, ich bin in Räthſeln recht glücklich geweſen: nämlich bei der Mutter. Sieh', dort hat ſich im Rocke, den Hermann geſtern Abend anhatte, und worin er notabene! von Madame Simeon kam, dies Brieſchen gefunden.

Sie reichte es ihm hin; ihre Blicke hingen an ſeinen Zügen, während er es las.

Nun ja, da haben wir's! ſagte er endlich, und ließ