Teil eines Werkes 
Bd. 4König Jerôme's Carneval : geschichtlicher Roman ; in drei Theilen : Th. 3 (1855)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

14

reumüthige Bekennerin, und Hermann verzeiht, Her⸗ mann hebt ſie vom ſündigen Boden auf, und ſie ihn da⸗ für zum König und zu hohen Ehren empor? Nein, nein! rief ſie laut, auf den Zehen ſich erhebend, die Linke auf ihre Bruſt gedrückt, die Rechte, ſo hoch ſie konnte, wie zu einer heiligen Betheuerung, emporgeſtreckt, nein, nimmermehr!

Hermann's Bild ſchwebte ihr wie eine ſtrafende Er⸗ ſcheinung vor, und ein Scharlachroth brach aus ihren Wangen, daß ſie ſolchen Gedanken gefaßt habe.

Das Billet war auch zerknittert geweſen: eine wü⸗ thende Hand ſchien es zuſammengeballt zu haben. Und doch war es behalten, und ſogar in der Rocktaſche ver⸗ geſſen worden. Sollte ſie eine höhere Fügung darin er⸗ kennen, daß ſie es auf ſo wunderſame Weiſe gefunden hatte? War es ihr zugeführt worden, um für den Freund zu handeln?

Es würde ſchwer ſein, mit erzählenden Worten dem Wechſel, der Windsbraut von Gedanken zu folgen, die in Lina's Bruſt ſtürmten. Sie litt unausſprechlich unter dieſer wechſelnden Theilnahme an dem Freunde. Jede Minute ſeiner Reiſe führte ihn weiter hinweg von ihr für die einzige kurze Frage, wie es ſich mit dem Billet verhalte. Zuletzt blieb ein Strom von Thränen nicht aus, der aus der tiefſten Quelle des Herzens kam, ohne doch ihre Angſt, ohne ihr Räthſel zu löſen.

Zwar hatte ſie den langen ſtillen Tag mit hundert kleinen Beſchäftigungen vor ſich, ehe Ludwig vom Bureau erſchien; dennoch war ſie ſo wenig zu einiger Faſſung