Teil eines Werkes 
Bd. 4König Jerôme's Carneval : geschichtlicher Roman ; in drei Theilen : Th. 3 (1855)
Entstehung
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Der unterſchriebene Name war auf franzöſiſche Weiſe undeutlich und umſchnörkelt geſchrieben. Die erſten grö⸗ ßern Buchſtaben ließen ſich auf Marin entziffern und die abnehmenden folgenden konnten ville heißen. Doch dachte Lina an dieſe Namensenträthſelung erſt, als das Herz⸗ klopfen nachließ, das bis an ihren ſchönen Hals herauf⸗ pulſirte. Sie hörte den Ruf der Mutter; aber keines Wortes mächtig, vernahm ſie blos zunickend den Auftrag derſelben, und eilte hinab in die freie Luft unter dem übergeſpannten Zelte des Balcons. Dort im Lehnſtuhle überließ ſie ſich dem ganzen Ungeſtüm ihrer Empfindun⸗ gen und Gedanken. Wie ſie die Mutter in der Nähe hörte, verbarg ſie das Briefchen unter ihrem Halstuche. Doch erſchrocken, als ob eine Schlange die reine, warme Bruſt berühre, zog ſie es raſch zurück und ſteckte es in ihre Taſche. Sie hatte die Ruhe nicht, zu bleiben, nicht Sammlung genug, mit der Mutter eine Unterhaltung zu führen, und eilte unter einem Vorwand nach Hauſe. Ihr Nachdenken fand keinen Haltpunkt, keinen Ab⸗ ſchluß. Wenn auch die Beziehung des Briefes keinen Zweifel ließ, ſo blieb es um ſo unbegreiflicher, wie ſolch! ein Billet in Hermann's Beſitz gekommen ſei. Ceeile mußte es um die Zeit ſeines Beſuches erhalten haben. Vernichtet hatte ſie das verrätheriſche, entſiegelte Velin nicht; aber hatte ſie es ſo offen liegen laſſen, daß es gefunden werden konnte? Und war Hermann auf ihr Zimmer gekommen, um es zu ſehen und an ſich zu nehmen, zu entwenden? Auch das glich ſeinem ſchicklichen Benehmen nicht. Hatte es ihm Cecile mitgetheilt? Nicht möglich! Oder, wie? Spielt ſie vielleicht die