Teil eines Werkes 
Bd. 3König Jerôme's Carneval : geschichtlicher Roman ; in drei Theilen : Th. 2 (1855)
Entstehung
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ter Geſang, jenes:Nur wer die Sehnſucht kennt, weiß was ich leide, womit er ſelbſt entflohen war, ſich in ihre eigene Bruſt geflüchtet hätte. Was ſie aus Adelens ver⸗ worrenem Zuſtand vermuthete, hatte ſie zuerſt tief empört. Sie glaubte, ihre Entrüſtung gelte der unverantwortlichen Verletzung ihrer Wohnung, und ſie hatte in wunderlicher Anwandelung am erſten Abende ſich in jenem Gemach nicht entkleiden können, bis ſie endlich erkannte, daß ihr eigener leichtfertiger Sinn, was auch geſchehen ſein mochte, ver ſchuldet habe. Von dieſem Moment an war ſie geneigt geweſen, ihre Vorausſetzung zu bezweifeln und Adelens Benehmen auf das wechſellaunige Weſen derſelben zu ſchie⸗ ben. Wie oft hatte ſie ſeitdem den jungen Mann her⸗ beigewünſcht, ſich mit ihm über Eines oder das Andere, was ſie für ihn thun könnte, zu beſprechen! Sie fühlte ſich ihm verſchuldet; es verlangte ſie, durch irgend eine Leiſtung ſich mit ihm und mit ſich ſelbſt auszugleichen. Aber die cyanenfarbene Vaſe hatte ihre Anziehungskraft für ihn verloren, und zu weitern Schritten konnte ſie ſich nicht entſchließen; ſie mußte bei dem lebhaft gefaßten Vor⸗ ſatze ſtehen bleiben, dritte, einflußreiche Perſonen für den intereſſanten jungen Mann in Theilnahme zu ſetzen.

Mit dieſem Gedanken wurde es gleich auch wieder hel⸗ ler in ihrem Gemüthe. Sie erwachte zur Betrachtung ihrer Umgebung. Die Luft, die aus den bewegten Wipfeln der Bäume auf ſie niederfächelte, erquickte ihre Bruſt; ſie hörte aus dem Dickicht der kleinen Inſel ein paar Finken im Wechſel wie um die Wette ſchlagen, und von der verſteck⸗ ten Höhe des Schlößchens klangen die zur Harmonie ſich verſuchenden Inſtrumente.