Teil eines Werkes 
Bd. 2König Jerôme's Carneval : geschichtlicher Roman ; in drei Theilen : Th. 1 (1855)
Entstehung
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gini zum Lehrer angenommen hatte. Kurz, die Gräfin ſpielte mit hundert wohlwollenden Gedanken für den ſo fähigen und einnehmenden jungen Mann, wie ſie denn Alles ſehr lebhaft und nicht ſelten das Unthunlichſte am eifrigſten anfaßte.

Die Thür zu ihrem Ankleidezimmer ſtand heut offen, ſodaß ſie, mit Allerlei beſchäftigt, ab⸗ und zugehen konnte. Bei all' ihrer Aufmerkſamkeit war ihr doch entgangen, wie weit es in der Vertraulichkeit zwiſchen Lehrer und Schülerin ſchon gekommen war. Sie ahnte nicht, daß ſelbſt in ihrem Beiſein Beide einander mit den Füßen neckten, hinter ihrem Rücken ſich die Hände drückten, und heut ſogar, als Beide die Gräfin im Nebenzimmer eine Schublade der Commode ziehen hörten, ſich, wie zu ein⸗ ander hingeriſſen, in die Arme fielen.

Die innere Unruhe und Zerſtreutheit des Paares blieb jedoch der Beſchützerin nicht unbemerkt. Sie erkannte, daß es wirklich die höchſte Zeit ſei, Beide von einander entfernt zu halten, und ging auch auf der Stelle dadurch zu Werk, daß ſie Hermann an ihren Flügel rief, weil doch Adele heut keine Gedanken für's Lernen zu haben ſcheine.

Singen Sie uns der von Ihrem Freunde Reichardt componirten Goethe'ſchen Lieder eines! befahl ſie. Es ſind reizende Melodien, und die Lieder unvergleichlich.

Hermann, in ſeiner heut ſo aufgeregten Stimmung und im Gefühl ſeines Glücks bei der reizenden Adele, fiel auf das anzügliche kleine Lied:

Nur wer die Sehnſucht kennt, Weiß was ich leide.