vielen Liedercompoſitionen Reichardt's gehalten; wenn es nun aber von Luiſen war, warum erblaßte ſie bei ihrer eigenen Melodie? War ſie Braut geweſen und verlaſſen
worden? Oder welch ein ſchmerzliches Erinnern tönte für
ſie aus ihren eigenen Noten?
Zwiſchen beiden räthſelbietenden Menſchen bewegte ſich deſto heiterer, herzlicher und hingebender die Mutter Rei⸗ chardt. Ihr Ausſehen erinnerte noch lebhaft daran, daß ſie einſt eine anerkannte Schönheit geweſen. Von ihrem erſten Manne, dem Dichter Hensler, war ſie, wie jetzt von ihrem zweiten, dem Muſtker, ſehr verwöhnt worden. Ein Leben in glücklichen Verhältniſſen, durch das Wohl⸗ wollen der Ihrigen vor allem Unangenehmen bewahrt, hatte ihr Herz etwas verweichlicht; ſie war ohne Muth gegen Leiden, aber nicht ohne Anſprüche an die Menſchen, dagegen aber auch gefällig, wohlwollend, zart und gütig gegen Alle, und gewöhnt, ins Große zu wirthſchaften.
Es läßt ſich denken, daß Hermann eine ſo anziehende Familie nicht vernachläſſigte. Er war von Natur und von häuslicher Gewöhnung zur Geſelligkeit getrieben und jetzt auch noch ohne alle Wahl für ſeinen Umgang. In ſeinem Gaſthauſe lernte er verſchiedene Mittag⸗ und Abend⸗ gäſte kennen, höhere oder untergeordnete Beamte, die ſich ihm ſehr höflich erwieſen, aber ſich höchſt vorſichtig unter⸗ hielten. Die Stadt London war das Abſteigequartier für die Angeſtellten vom Lande, wenigſtens für altheſſiſche, und es entging ihm nicht, daß bei ſolchen Beſuchen ſich mancherlei ſonſt ſeltene Gäſte aus der Stadt einfanden und ſich mit den Angekommenen in einer unzugänglichen Hinterſtube vereinigten. So zog ihn denn nichts ab, ſeine
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