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2 Weisheit, ein Vorbild für die Welt und das vervoll⸗ kommnetſte und ausgebildetſte Beiſpiel menſchlichen Ver⸗ ſtandes ſind. Man kann eine Maſſe ähnliche Lobhude⸗ leien zu demſelben Zweck täglich und ſtündlich hören, einfach nur, weil wir unſer politiſches Leben unter zwei unberechenbaren Vortheilen begonnen haben.“
„Und welche ſind dieſe?“ fragte Martin.
„Der eine iſt, daß unſere Geſchichte in einer ſo ſpäten Periode beginnt, daß wir den Zeitaltern des Blut⸗ vergießens entgehen konnten, welche erſt an anderen Na⸗ tionen vorüberziehen mußten, und daß wir daher das ganze Licht ihrer Erfahrungen genoſſen, ohne die Schat⸗ tenſeiten miterleben zu müſſen. Der andere iſt, daß wir ein ausgedehntes Territorium haben, das, wenigſtens vor der Hand, noch nicht übervölkert iſt, zieht man dieſe Thatſachen zum Voraus in Erwägung, ſo haben wir, denke ich, wenig genug gethan.“
„Und wie ſteht es denn mit der Erziehung?“ ſragte Martin ziemlich ſchüchtern.
„Der Hauptſache nach ziemlich gut,“ verſetzte der Andere mit Achſelzucken,—„allein noch dürfen wir den Mund nicht beſonders voll nehmen, denn die Länder der alten Welt, ſämmtliche von Deſpoten regiert, haben ebenſo viel, wenn nicht noch mehr gethan, und kein ſolches Geſchrei davon gemacht. Im Vergleich mit England iſt der Schein allerdings uns günſtiger, allein England befindet ſich auch im äußerſten Falle. Sie nehmen mir's doch nicht übel,“ ſetzte er lächelnd hinzu, —„Sie haben mir ja zuvor ein Kompliment über meine Freimüthigkeit gemacht, wie Sie wiſſen.“
„Ei,“ verſetzte Martin,—„ich wundere mich gar
nicht darüber, daß Sie ſich ſo offen ausſprechen, wenn
es ſich um mein Vaterland handelt, allein, daß Sie die
Mängel des Ihrigen ſo unumwunden rügen, befremdet
mich weit mehr.“ 3 „ Sie durfen freilich überzeugt ſeyn, daß dieſe Eigen⸗ ſchaft hier zu Lande nicht ſehr verbreitet iſt, ausgenom⸗


