28 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer
Mit der Auflösung des Ghettos im August 1944 wurden wir beide nach Auschwit?z geschickt und verloren uns aus den Augen. Ich habe mit meinem Bruder Leon überlebt und wurde am 23 April 1945 in Flossenbürg befreit, und 1946 bin ich in die USA ausge- wandert. Nach dem Krieg habe ich 1958 wieder den Kontakt Zu Noach auf- genommen, damals lebte er in Israel. Als ich Noach und seine Frau zum er— sten Mal nach dem Krieg wieder sah, war es einerseits, als würde man etwas finden, was aus der Vorkriegszeit verlo- ren gegangen war. Andererseits war es in gewisser Weise auch ein neues TKe- ben. Er erzãhlte mir von Marian Turski, dass er ebenfalls überlebt hatte, und dass er in Warschau lebte.
Wir haben uns gefreut, Zu erfahren, dass wir beide dieses entsetzliche Mar- tyrium überlebt hatten. Wir waren überglücklich, dass sich unsere Wege erneut gekreuzt hatten und dass unse- re Beziehung wieder auflebte. Zum Glück wurde das enge Band, das uns beide in früher Kindheit verband, mit jedem Jahrstärker. Immer wenn meine Frau Hannah und ich Israel besuchten, verbrachten wir Zeit mit Nonek und Dorka. Wir sind oft gemeinsam gereist, haben mehrere Urlaubsreisen nach Buropa und an andere interessante Orte auf der ganzen Welt unternom- men, zum Beispiel nach Agypten, eine Fahrt den Nil hinunter, und nach Russ- land, wo wir mit dem Schiff von Mos- kau nach St. Petersburg reisten.
Die Zeit und die Entfernung waren nie wichtig. Als Nonek in der Schweiz und in Deutschland lebte und als Wirt-
Schaftsattaché für die israelische Re- gierung tätig war, legten wir immer Wert darauf, die Flugs zu besuchen. Wir vier haben es unheimlich genos- sen, zahllose Stunden zusammen zu verbringen, uns an die Vergangenheit zurückzuerinnern und uns über die Zukunft Zzu unterhalten.
Irgendwann fingen wir an, immer mehr an die„Gegenwart“ zu denken, und unsere langjährige Freundschaft verfestigte sich noch weiter aufgrund unseres gemeinsamen Zieles, für die Holocaustüberlebenden auf der ganzen Welt Gerechtigkeit zu erlan- gen. Es war diese gemeinsame Ent- Schlossenheit, etwas gegen die missli- che Lage der Uberlebenden zu tun, auch wenn es Zu wenig war und zu spãt kam, die eine noch bemerkenswertere Verbundenheit Zwischen uns entste— hen ließ. Das Vertrauen Zwischen uns blieb all die Jahre hindurch bestehen, gan? bis ans Ende von Noneks Leben.
Nie werde ich Noneks mutiges Auftreten bei der ersten Vorstands- versammlung der Jewish Claims Con- ference vergessen, als sich die Verant- wortlichen vehement dagegen wehrten, dass Uberlebende in dieses maßgebliche Organ, das in ihrem Na- men sprechen sollte, aufgenommen wurden. Von diesem Zeitpunkt an hat Nonek sein Leben voll und ganz dem Ziel gewidmet, eine Entschädigung und Wiedergutmachung für bedürftige Uberlebende zu sichern, und das Ge- denken an den Holocaust auf würde- volle Weise aufrecht zu erhalten.
In seiner Freizeit war Nonek ein anderer als der Teilnehmer, den man


