Heft 
(2022) 1/2022. Dezember 2022
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Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 27

Sonders prekären Lage. Direktor Pod- laski kannte uns bereits gut, wegen Rysiek, mit dem wir zusammen zur Schule gingen. Daher versuchten wir, So wenig Aufsehen wie möglich zu er- regen. Das wurde durch die Tatsache erschwert, dass ich mich fast jeden Tag vor?eitig davon schlich, um meine Mini-Farm zu besuchen, und ich konnte es mir nicht leisten, stãndig un- ter Beobachtung zu sein. Schließlich bedeutete dieses Gemüsebeet für mei- ne Familie den Unterschied Zwischen Leben und Tod.

Natürlich bemerkten unsere Auf seher sofort, dass die Stückzahlen, die wir produzierten, zurückgingen, und sie berichteten dem Direktor von dem Problem. Sie waren alle äußerst fru striert und versuchten uns mit den ver- schiedensten Drohungen und Anrei- zen zu zwingen, die Produktion an?zukurbeln. Aber wir hielten durch und rührten uns nicht.

Wir wussten ganz genau, dass wir Selbst aber auch die Betriebsleitung aufgrund dessen, was wir Jugend- lichen da anstellten, in großer Gefahr waren. Es bestand die Möglichkeit, dass der Direktor entlassen und harte Strafen gegen uns verhängt würden, wenn wir von den Deutschen erwischt wurden genauer gesagt, man konnte uns die Lebensmittelrationen vorent- halten oder als Saboteure kurzerhand hinrichten. Die dritte, und schrecklich- Ste Möglichkeit war die Deportation. Wir rechneten uns aber aus, dass die unmittelbarste Gefahr der Betriebs- leitung drohte. Sie müsste den Groß- teil der Verantwortung dafür überneh-

men, dass sie die Drosselung der Pro- duktion zugelassen hatte.

Es erschien uns daher vollkommen einleuchtend, dass sich die Betriebs- leitungunbeabsichtigterweise mit uns verbũnden würde, um ihre eigene Unzulänglichkeit in der Fabrik zu ver- bergen. Das war ein gefährliches Risi- ko, das schwerwiegende Folgen haben konnte, aber wir erkannten auch, dass die Mternative noch schlimmer wäre. Direktor Podlaski wusste, dass Nonek und ich im Mittelpunkt der Ver- schwörung standen, und rief uns ver- Schiedentlich in sein Büro, um uns per- Sõnlich zu tadeln. Wir waren Teenager, er war in seinen Fünfzigern.

Bei diesen Zusammenkünften in seinem Büro einem abgetrennten Raum in der Fabrikhalle brüllte er uns an:Glaubt ihr denn, ich weiß nicht, dass ihr dahinter steckt? Was führt ihr im Schilde? Wollt ihr mich und alle anderen umbringen? Begreift ihr denn nicht: Wenn die Deutschen das herausfinden, werden wir als Saboteure hingerichtet?

Er konnte nicht fassen, dass wir und sein Sohn Teil einer Verschwörung ge- gen ihn sein konnten. Wir durften kei- ne Miene verziehen und nie versehent- lich irgendwelche Pläne oder andere Hintergrundinformationen ausplau- dern. Wir haben versucht, ihn davon zu überzeugen, dass die Arbeit mit Leder sehr schwierig sei, und es viel Zeit brauche, die Arbeit vernünftig zu ma- chen, besonders da schlechte Verarbei- tung Verschwendung wäre und der Arbeiter dafür bestraft würde. Schließ- lich seien wir nur Kinder.