Heft 
(2012) 1/2012. Dezember 2012
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6 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer

Wozu Erinnerung?

Uberlegungen zu Schuldanerkennung und Schuldentlastung

Mein Name ist Deniz(sprich: Dennis) Martin, ich bin fast 22 Jahre alt, stu diere im 3. Semester Soziologie und Japanologie an der Goethe Universität Frankfurt. Ich will zunächst schildern, wie und warum ich bei der Lagergemein- Schaft Auschwit?- Hreundeskreis der Auschwilzer(ILGA) gelandet bin.

Ich bin in Wetzlar aufgewachsen. Als ich noch im Kindergarten war, wurde ein beinharter Neonazi in den Elternbeirat gewählt, der nicht nur in der heidnisch-germanischen Sekte der Goden? unterwegs, sondern s0 schön in seine Szene integriert war, dass der Pate seiner Kinder kein ge- ringerer als der bekannte, mittlerwei- le verstorbene NPD-Anwalt Jürgen Rieger war. Im Gegensat? zu meinen PEltern und einigen Gleichgesinnten schien das den Großteil der anderen Eltern nicht Zu stören.

Ich erinnere mich, wie ich als da- mals Vierjähriger es sehr irritierend fand, dass dieserGode in unserem behindertengerecht ausgestatteten Raum mit Kreide eine Linie Zog, die normale Kinder nicht übertreten durften, weil das irgendwie schlecht für sie sein sollte. Schlussendlich wur- de derGode zum Glück abgesägt, denn nicht immer stimmt das Motto, wonach eine schlechte Presse besser als gar keine Presse ist: Kindergarten und Ortschaft dachten an ihren Ruf als gute Deutsche.

Mit 17 Jahren, das war 2008, kam mit meinem Schulwechsel auch ein Wechsel meines sozialen Umfelds. Ich

Deniz Martin(inks) mit Johannes Dietzel, der ebenfalls an der Studienfahrt teilnahm.

lernte Menschen kennen mit einer- seits ähnlichen absurden Erfahrun- gen, andererseits Abneigungen ge- genüber Nazis und einem im Ver- gleich zu anderen Gleichaltrigen kri- tischen Geist kennen. Durch viele Gesprãche sensibilisierte ich mich im- mer mehr für die mir bis dato nicht aufgefallenen neonazistischen Akti- vitäten in der Gegend. Ich nahm die vielen Schmierereien und Aufkleber der Autonomen Nationalisten Wetzlar wahr sowie die des Skinhead-Pen- dants- anscheinend gab es im klei- nen Wetzlar tatsächlich zwei aktive Neonazigruppierungen.

Da ich bereits nur wegen der Schreibweise meines Vornamens ras-

* Die Goden: Fine Vereinigung zur Pflege und Förderung der uns wesensgeprägten Religi- on und Kultur s0 die SelbstbeZeichnung., Wir Goden suchen Menschen, die ernsthuft duran milwinen mõchten, wieder in unsere umpriingliche und natirliche Religiosität zu Kommen, die Sinn und Ziel des Lebens nicht im Fremden Suchen, Sonderm in sich Selbst wisen.