Heft 
(2005) 1/2005. August 2005
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Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 31

schen Besat?er in dem zu Auschwitz gewordenen Oswiecim beinhaltet.

Erste Juden siedelten sich in Oswie⸗ eim gegen Ende des 15. Jahrhunderts an, also zu einer Zeit, als in Deutsch- land die letzten großen Vertreibungen stattfanden. Von den Jagiellonen geför- dert, Ssetzte doch schon unter dieser Dynastie eine Minderung ihrer Rechts- stellung ein, die nach der ersten Teilung Polens unter Maria Theresia ihren Tief- stand erreichte. Der Antrieb dieser absteigenden Entwicklung war der gleiche wie der frühere in Peutschland und Westeuropa: Aus Förderern des Handels, gleichsamEntwicklungshel- fern, wurden Konkurrenten der ent- wickelten christichen Kaufmann- schaft. Die Schaffung einer jüdischen Selbstverwaltung(Vaad) für ganz Po- len, dem auch Juden aus Oswiecim an- gehörten, konnte dem negativen Hend immerhin entgegenwirken. So wurde, als es 1627 zu Ausschreitungen gegen Juden in Oswiecim kam, den Opfern ei- ne Entschädigung zugestanden, was mit Blick auf Deutschland durchaus be- merkenswert ist.

Nach der Teilung von 1772 galt in Oswiecim zunãchst die õsterreichische Judenordnung von 1766, wodurch sich der Status der Juden verschlechterte. Josef II., dem in der Geschichtsschrei- bung hãufig vorgeworfen wird, als auf geklärter Herrscher zu ungestüm vor- angegangen zu sein- was die Frage nach sich zieht: für wen zu ungestüm? intendierte mit der Verleihung von Bürgerrechten die Finleitung eines Assimilationsprozesses. Entsprechen- de Auswirkungen scheinen seine Tole- ranzpatente in Oswiecim freilich nicht gehabt zu haben. Das konnten sie auch

kaum angesichts eines aufreibenden Hin und Her, dem der Emanzipations- prozess in Osterreich wie in den ande- ren deutschen Staaten ausgeset?t war. Dem aufgeklärten Absolutismus folg- te die vormärzliche Reaktion unter Franz II., der wiederum die volle Fmanzipation in der 48er Revolution, die in der Reaktionszeit wieder einge- schränkt wurde, bis sie sich in der Ver- fassung der k. u. k. Monarchie 1867 endgültig durchset?te und durch wei- tere Gesetze für die israelitische Reli- gionsgemeinschaft präzisiert wurde. Wie überall, wo die Hmanzipation erfolgreich war, erõffneten sich den Nu⸗ den in Oswiecim zwei Möglichkeiten: die Assimilation an die polnische Be- võlkerung, also der in der II. Republik möglich gewordene Weg zu einem pol- nischen Staatsbürger jüdischen Glau bens, oder die Ausbildung eines eigenen politischen Selbstbewusstseins mit dem praktischen Ziel der Gründung eines ei- genen Staates, also der Weg, den die Zionisten gingen. Assimilation ist eine Angelegenheit individueller persön- licher Entscheidungen und Verhaltens- weisen, die sich in den Akten von Behörden nicht niederschlagen. So ist bei der gegebenen Quellenlage der von den Juden in Oswiecim erreichte Grad der Assimilation nicht klar auszuma- chen, wogegen die Zionistischen Kreise deutlich in Erscheinung treten. Ganz unberũcksichtigt bleiben Dissidenten oder zu einer christlichen Religion Kon- vertierte, weil sie in den Akten eines Rechtsstaates nicht als Juden geführt werden. Allerdings dürfte deren Zahl in Oswiecim auch gering gewesen sein. Oswiecim, einst Hauptsit? eines gleichnamigen Fürstentums, hatte