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JUDITH SIMON
Bei dem Juden Simon ward in jedem Jahre
Auf die Erde gesetzt eine kleine Bahre,
Ein klein Brettersärglein, nur ellenlang eben...
Ein armer kleiner Wurm, vermocht’ nicht zu leben.
Judith Simons Haar ist wie ein Schatz von Golde.
"Weinend mit den Händen liebkost sie das blonde.
Dann— oh jammerschade— schneidet die Schere drein!. Zum heiligen Rabbi so geht sie insgeheim.
„Abgeschnitten hab’ ich das Haar ohne gleichen,
‚Beweint meine Schönheit, Ruhm von sieben Reichen:
Heiliger Rabbi, sag’, sage mir nur eines: Werd’ ich, heil’ger Rabbi, kein Kind großziehn, keines?“
‘Von der alten Bibel aufblickt der heil’ge Mann.
Judith in schwerer Schuld faßt wilder Schauder an: „Jetzt möchtest du eins. Einmal wolltest du nicht es. Dein erstes Kind, Judith, sage mir, wo ist es?“
Frau Judiths Angesicht wird weißer als der Schnee,
In ihren rosigen Händen birgt sie es jäh.
Flüsternd kommen, stockend die Worte, lautlos fast:
„Mit mörd’rischen Händen hab’ ich es umgebracht.
Des Kindes Vater ließ schmählich im Stiche mich...
Ein arm schwach klein Mädchen— die Schande fürchtet’
ich...
* Die rechtgläubigen Jüdinnen schneiden ihr Haar bei der
Verheiratung ab. Ausnahmen kamen in früherer Zeit kaum vor.
Josef Kiß übersieht das und vergißt zu motivieren, warum Judith Simon ihr Haar behalten hatte.
2 Aus fremden Gärten 83.


