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Vom künftigen Deutschland : Aufsätze zur Zeitgeschichte / Erik Reger
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180 Die tieferen Gründe

den Dingen ein anderes, ein besseres oder, sagen wir es offen,

überhaupt ein Gesicht zu geben. Die wirklichen Gründe für all das,

was man ein Versagen, sei es der Besiegten oder der Sieger nennt, liegen nicht an der Oberfläche der Erscheinungen. Sie liegen auch in der Art des Kriegsablaufes, sie liegen auch in den ideologischen Differenzen, sie liegen auch in den handelnden Persönlichkeiten, in ihrer mehr oder weniger großen Fähigkeit zur Ueberschau, zur großen Konzeption und in ihrem Verhandlungsgeschick, aber sie liegen daneben, und bedeutend stärker, in den Zweifeln an der Grundlage unserer gesamten Zivilisation.

Ist die Zivilisation, fragt Charles Morgan,bankrott müssen wir sie in der einen oder anderen Form durch einen reglementier- ten Materialismus ersegen? Und er schneidet ein wesentliches Thema an: die heutige Jugend hatnie die freie Welt mit ihrem ungehinderten Reiseverkehr, ihren stabilen Währungsverhältnissen und ihren niedrigen Steuersägen gekannt. Sie kann nicht, wie die Aelteren, vor den Anspruch des Totalitarismus gestellt, erklären, daß eseine Lebensmethode gebe, der gegenüber alle Methoden der Reglementierung und des Massendenkens als verderbt und korrupt zu gelten hätten, daßnebeneinander Ordnung und indi- viduelle Freiheit wohl bestehen können, daß dieBürokratie

Dienerin und nicht Herrin zu sein, der ‚‚Patriotismus einem natür-

lichen Stolze und nicht der Besessenheit zu entspringen vermag, daß die.‚Maschinerie des Daseins auchanderem Denken und Wirken noch Raum läßt kurzum, daß es einen Zustand gibt, woes noch immer als ehrenhafter gilt, statt eines Herdentieres ein privates menschliches Wesen ohne jede Angriffsgelüste zu sein und das Leben noch immer seine Reize hat. Für dielebendige Realität dieserliberalen Zivilisation, sagt Morgan, hat England in zwei Kriegen gekämpft. Einige Deutsche dürfen bescheiden von sich das gleiche bekennen. Aber dietiefgründigen und mensch- lichen Dinge, in Lebensweise und Denkart des modernen Europas außerordentlich kostbar und selten, sind uns in Deutschland noch fremder geworden als den Bewohnern anderer Länder. Zwangs- bewirtschaftung, Beschränkung der allgemeinen Freiheit, Arbeits- ämter, Zulassungsinstanzen, Preiskontrollstellen, ständige Ausweis- papiere und was sonst die Hitlersche Pandorabüchse über uns aus- geschüttet hat, werden neben dem, was eine Okkupation not-

. wendigerweise an Ueberwachung mit sich bringt, bei uns erheblich

länger währen als anderswo. Dazu kommt noch dieDenazifi-, zierung. Es wird soviel davon gesprochen, daß sie derBefrie- dung dienen solle, besonders von Leuten, die auffällig daran inter- essiert zu sein scheinen. Die Unruhe entsteht aber nicht durch die Denazifizierungsaktion, sondern dadurch, daß die allzu häufig be-

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