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Vom künftigen Deutschland : Aufsätze zur Zeitgeschichte / Erik Reger
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VORWORT

Nahezu die Hälfte des einst voreilig gepriesenen zwanzigsten Jahr- hunderts liegt hinter uns. Was immer die andere Hälfte bringen mag, wird Folge dessen sein, was zwischen 1914 und heute geschah. Die für die ganze Welt entscheidende Frage lautet, ob der Beitrag des deutschen Volkes zur zweiten Jahrhunderthälfte ebenso rühm- lich sein wird, wie sein Anteil an der Gestaltung der ersten un- rühmlich war.

Was auf den folgenden Seiten zu lesen steht, gilt dieser Frage. Es ist den leitenden Aufsäßen entnommen, die vom Herbst 1945 bis zum Herbst 1946 im ‚‚Tagesspiegel veröffentlicht wurden.Der Tagesspiegel, zu dessen Gründern der Unterzeichnete gehört, war die erste von Parteibindungen freie Tageszeitung Berlins nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft und überhaupt die erste täglich erscheinende Zeitung außerhalb der russischen Okku- pationszone. Alle diese Zeilen wären nicht geschrieben worden, wenn ihr Verfasser das Gefühl gehabt hätte, unser Volk werde nach allem, was vorgefallen ist, der Größe der vor ihm liegenden Entscheidung zulegt doch wieder nicht gewachsen sein. Sie geben indessen die Belastungen wieder, denen ein denkender Mensch im Laufe dieses ersten Nachkriegsjahres ausgesegt war. Gerade dar- um erschien es wichtig, die Reihenfolge der einzelnen Aufsäge soweit wie irgend möglich zu erhalten; in der Reihenfolge doku- mentiert sich bereits wieder ein Stück Historie. Lediglich die begriff- lich zusammengehörenden Teile einzelner Aufsäße sind jeweils zu einem geschlossenen Ganzen vereinigt worden; Korrekturen, außer der Ausmerzung an den Tag gebundener Einzelheiten, waren kaum nötig.

Nach demtotalen Krieg der totale Zusammenbruch: ein Natur- geseß. Es ist menschlich, wenn wir das Naturgeseg als Katastrophe empfinden, aber es ist nicht politisch. Auch das Naturgesegliche dieses Zustandes dringt leider ungenügend ins Bewußtsein, weil außer der Kraft noch der Wille zur Einsicht im legten Jahrzehnt geschwunden ist. Zuviel ist auf uns eingestürmt, als daß wir der Abstumpfung hätten entgehen können, Eine wirkliche, individuell beglaubigte Jahrhundertwende ist ein großes Erlebnis. Wenn man dagegen alle paar Monate oder gar Wochen den Eindruck hat, es sei ein Pauschaljahrhundert verflossen, so übersteigt diese untrif- tige Gewaltsamkeit, diese verwaschene Ungeheuerlichkeit jedes Fassungsvermögen. Hundert Jahre zwischen Kriegsschluß und heute: hundert Jahre zwischen Hitlers Erfolgen und Hitlers Nieder- lage; hundert Jahre zwischen 1933 und 1939; hundert Jahre zwi-