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Die tieferen Gründe 1170)
dürfen. Das Ende dieses Krieges hat in Europa, mit Ausnahme des besetzten Deutschlands, revolutionsähnliche Vorgänge zur Folge ge- habt. Daß in solchen Zeitläuften Rachegefühle Ausschreitungen und Gewaltakte veranlassen, bedarf einer Erklärung nur für jene, die
‚historische Elemente nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Anderer-
seits sträubt sich jeder Einsichtige gegen den Versuch, zu leugnen, daß in Umsturztagen sehr oft diejenigen den Ton anzugeben be- strebt sind, die nicht gerade zur Elite einer Nation gehören, oder zu behaupten, irgendeine Nation bestehe aus lauter Lichtengeln wie umgekehrt eine andere aus lauter geschwänzten Teufeln. Irgendwann muß die babylonische Verwirrung zumindest im Geiste einer menschlichen Ordnung der Gedanken weichen. Irgendwann muß man aufhören, Verbrechen gegen die Menschlichkeit damit zu entschuldigen, daß andere sie vorher begangen haben. Irgendwann muß der Menschheit der Glaube an das Recht wiedergegeben wer- den, und solange es infolge der revolutionären Nachwehen nicht dadurch geschehen kann, daß man das Recht in allen Dingen und die Gleichheit aller Menschen vor ihm wieder als unverletlich be- weist, so lange muß es eben dadurch geschehen, daß man dort, wo Unrecht herrscht, es offen zugibt und nicht zu Schleiertänzen, zu beschönigenden Pantomimen und der Gebärdensprache der Auguren Zuflucht nimmt.
Wenn es ebenso unkompliziert wäre, Frieden zu machen wie Krieg, wenn man in der Lage wäre, nach einer ungeheuerlichen Zerrüt- tung der Menschen, Dinge und Begriffe durch einen Federstrich zum status quo ante zurückzukehren, ließe sich die schwankende Welt einigermaßen beruhigen. Da man sich aber außerdem darin einig ist, daß man gar nicht zum status quo ante zurückkehren will oder darf, da sich im Verlaufe eines jeden Krieges in allen Gehirnen die Vorstellung festsegt, nach dem Kriege müsse es un- bedingt und möglichst auf allen Gebieten anders werden, ist die Dauer der demzufolge unvermeidbaren Verwirrung nicht abzu- sehen. Es ist, in unserem Falle, bequem zu sagen, das in der Ge- schichte präzedenzlose Experiment der totalen Beseßung eines jeder Regierung entkleideten Landes, noch dazu einer Viermächte- besegung, die nicht gemeinschaftlich, sondern in getrennten Zonen vorgenommen wurde, sei gescheitert. Es ist ebenso bequem nachzu- weisen, was die Alliierten anders hätten machen sollen, abgesehen davon, daß es— zwar nicht für die historische Erkenntnis, aber für den praktischen Gebrauch— nußlos ist, in einer entstandenen Situation zu untersuchen, auf welche Weise sie vielleicht oder wahr- scheinlich nicht entstanden wäre, ist doch einzig und allein ent- scheidend, ob unter den obwaltenden Umständen irgendwelche Fak- toren sich hätten entfalten können, die geeignet gewesen wären,
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